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EINLEITUNG

 

Im Buch der Sprüche und Bedenken schreibt Arthur Schnitzler:

 

Auch der Dilettant hat zuweilen Einfälle, die selbst den Anspruchsvollen zu verblüffen imstande sind. Aber im Gegensatz zum Künstler vergißt er meistens, daß der Einfall nichts ist als notwendige Voraussetzung und oft nichts anderes bedeutet als eine Versuchung, die auch in den Abgrund führen kann. Worauf es ankommt bleibt dies: zu wissen, welche Entwicklungsmöglichkeiten in einem Einfall vorhanden sind; zu fühlen, wenn der Augenblick gekommen ist, eine dieser Möglichkeiten in Wirklichkeit überzuleiten und - wenn dieser Augenblick aus irgendwelchen äußeren oder inneren Gründen niemals erscheinen will - auch das Herz zu haben, ihn zu verstoßen wie ein ungeratenes Kind. (1)

 

Das Verfahren Schnitzlers, den verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten eines Einfalls nachzugehen, bestätigt die These Maria Cortis, man müsse davon ausgehen, daß es sich bei jeder Schriftstellerischen Produktion um eine „Reise" handele: eine „Reise" durch die „Phantasmen", denen der Autor begegnet ist und die er verworfen hat, durch die mißlungenen Lösungen, die in der stummen „Vorhölle" der Literatur enden werden. Gleichwohl bleiben die „Stationen" der „Reise" weiterhin existent, und zwar unabhängig vom „reisenden" Autor, und bilden somit Welten der Möglichkeit, die gleichsam als Satelliten um den definitiven Text kreisen (2).

Der hier vorgelegte Text, Der Verführer, kann für sich genommen als frühe Erzählprobe Schnitzlers analysiert werden. Gleichzeitig aber bildet er die erste wichtige Etappe einer langen „Reise" Schnitzlers bis hin zur endgültigen Ankunft in der „Welt" der Komödie der Verführung, einem der bedeutendsten Werke des Wiener Schriftstellers.

 

Der Ausgangspunkt der „Reise" ist ein „Einfall“ (siehe Überlieferung, Nr. 1), den Schnitzler 1888 geschrieben und Anfang der 90er diktiert hat:

 

Kommen Sie doch herein, Nelly, kommen Sie. Setzen Sie sich zu mir, erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich Sie liebe. Erleben Sie noch einen letzten Roman, bevor Sie sich in das Kokottenleben stürzen, in dem Sie verkommen werden.

Und sie erlebt den letzten Roman, die letzte Nacht. Am grauenden Morgen verläßt er Ostende, am Abende verkauft sie sich.

Dialog: Wie er sie am Schluß anfleht:

Tu es nicht, ich will dich glücklich machen.

Nein, nein, ich kann keine Zeit verlieren.

Schon gestern Abend hatte sie ihm gesagt, sie sollte mit dem und dem zusammen sein.

 

Dieser Einfall wird in der Prosafassung Der Verführer (undatiert, man kann aber annehmen, daß ihre Entstehung in die Zeit zwischen 1890 und 1904 fällt; siehe Überlieferung, Nr. 3, und Textkonstitution) ausführlich entwickelt. Der Ich-Erzähler berichtet, wie er auf einem Dampfer Friedrich von Rosenberg dem "Verführer", der von Ostende zurückkommt, begegnet und lässt dann diesen sein ‘Abenteuer’ mit Judith (im Einfall: Nelly) erzählen, dem jungen Mädchen, das Kokotte werden will und das ihn verläßt, nachdem sie sich ihm hingegeben hat (3).

In einem weiteren, undatierten „Einfall“ (siehe Überlieferung, Nr. 4) wird das Sujet des Mädchens, das Kokotte werden will, in ein triadisches Schema eingegliedert. Wir finden drei Verführer, von denen jeder die Geschichte einer Verführung erzählen soll:

 

Bei  einer Choristin Demimondaine  Gesellschaft -, einige Leute.

   Sie halb betrunken?  „Nie wär' s mit mir so weit gekommen, wenn nicht du  : vielleicht ist er da :   mich dazu  gemacht hättest."

   Verführer.

   Dummes Wort. Wer hat noch nicht verführt?

Der eine erzählt die Geschichte von der Jungfrau, die Kokotte werden will.

Der andere, wie er ein junges Mädchen verführt, die sich vor Stolz nicht fassen kann. Die ganze Familie stolz. „Es war grotesk. Ich war der einzige, der sich schämte."

Der dritte: „Auch ich habe ein junges Mädchen verführt."

„Nun?"

Sie hat sich umgebracht. Es kommt auch vor." (4)

 

 

Am 9.10.1904 notiert Schnitzler in seinem Tagebuch:

 

Verführung, die alte Novelle überdacht und eigentümliche Gedanken zu einer neuen Fassung niedergeschrieben. (5)

 

 

Das Datum 9.10.1904 trägt auch ein kurzes monologisches Fragment (siehe Überlieferung, Nr. 6), in dem nur ein Verführer, der auf der Rückkehr von Ostende ist, sich anschickt, einem Gesprächspartner drei Verführungsgeschichten zu erzählen:

 

9/X. 904

[…]

Ich will dir alle drei Geschichten erzählen - weniger deinetwegen, als weil ich eine gewisse Lust habe, die Sache einmal mir selbst zu rekapitulieren. Du weißt, daß ich heuer in Ostende war, aber vielleicht nicht, warum ich fortgegangen bin.

 

 

Das numerische Gleichgewicht, drei Verführer/Erzähler - drei Verführte, wird aufgelöst: es bleibt ein Verführer mit drei Verführten zurück. Schnitzler kehrt also zur Erzählsituation von Der Verführer (der Verführer auf der Rückkehr von Ostende) zurück, verzichtet auf den zweiten Einfall, behält aber von diesem ein Element, das immer wichtiger werden wird, und zwar das Thema (und das Schema) der drei Mädchen.

 

 

Am 3. März 1908 notiert Schnitzler im Tagebuch:

 

Verführer wieder begonnen. Die Novelle, resp. Stück. (6)

 

und am 12. März:

 

An dem Plan der Verführer und die drei Jungfrauen. (7)

 

Vom „monologischen Fragment" von 1904 an sind, ohne Datum und in fortlaufender Nummerierung, ein Plan (siehe Überlieferung, Nr. 7) und eine ausführliche Skizze zu drei Akten eines Theaterstückes (siehe Überlieferung, Nr. 8) überliefert, dessen Titel Der Verführer und die drei Jungfrauen hätte lauten sollen.

 

In der Skizze begegnet eine neue Thematik: die der „Verlockung". Es scheint angebracht, hier daran zu erinnern, daß Schnitzler schon vor 1902 an einer Novelle arbeitete, deren Arbeitstitel Verlockung war. Die Novelle wurde 1911 unter dem Titel Die Hirtenflöte veröffentlicht (8). 1907, in einer der ersten Skizzen zur Traumnovelle, wollte Schnitzler den Plan zu Verlockung für Albertines Bericht über ihren Traum benutzen (9). Eben dieses Thema wird, mit einem ausdrücklichen Hinweis Schnitzlers auf Die Hirtenflöte, in der Skizze zu dem Stück Der Verführer und die drei Jungfrauen wieder aufgenommen (10).

 

Am 23. März 1908 beginnt Schnitzler die Niederschrift des ersten Akts des Stückes Komödie der Verführung. Für den Schriftsteller fängt damit eine lange Arbeit an. Erst im Jahre 1923 soll das Werk, nach verschiedenen Zwischenstadien, seine definitive Gestalt erhalten. Am 11. Oktober 1924 wurde Komödie der Verführung am Burgtheater uraufgeführt.

 

 

 

 

(1) Arthur Schnitzler, Aphorismen und Betrachtungen, herausgegeben von Robert O. Weiss, Fischer, Frankfurt am Main 1967, S. 114.

 

(2)  Maria Corti, Il viaggio testuale, Einaudi, Torino 1978, S. 5f.

 

(3) Zwei Fragmente, die zwei weitere Versuche den „Einfall“ zu entwickeln darstellen, sind überliefert worden (siehe  Überlieferung, Nr. 2).

 

(4) Ein Fragment, in dem Schnitzler versuchte, diesen „Einfall“ zu entwickeln, ist überliefert worden (siehe Überlieferung, Nr. 5).

 

(5) Zitat Reinhard Urbach, Schnitzler-Kommentar zu den erzählenden Schriften und dramatischen Werken, München 1974, S. 195.

 

(6) Zitat Reinhard Urbach, ibid., S. 195.

 

(7) Zitat Reinhard Urbach, ibid.

 

(8) Für die Entstehungsgeschichte von Die Hirtenflöte vgl. Reinhard Urbach, Schnitzler-Kommentar, zit., S. 125.

 

(9) Vgl. Luigi Reitani, La Vienna di Schnitzler, Dissertation, Bari 1983, S. 336ff.

 

(10) Hier der Hinweis von Schnitzler:

„Vielleicht hier die Novelle von jener Sternguckersgattin, die dem Ton einer Hirtenflöte folgte und damit endet, daß sie ihren einst geliebten Gatten töten läßt.

Aurelie: Ich würde dem Ton der Flöte nicht folgen.

Graf: Wenn ich es aber verlangte.“