Zeichen als Lüge bzw. gesellschaftliche Projektion: semiotische Aspekte der Ideologie (mit einer Analyse des Ende Juli 2004 veröffentlichten Schreibens des damaligen Papstes an die Bischöfe über das Thema Die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt)

 

 

Der Begriff der Ideologie ‚lebt’ in einer komplexen Vernetzung mit weiteren Begriffen, die aus der Soziologie bzw. aus der Philosophie stammen, etwa:

 

Mentalität, soziale Mentalität, Sozialcharakter, Norm, falsches Bewußtsein, Weltanschauung, weltanschauliche Systeme, Weltanschauungsanalyse (und zwar „im Umkreis des hermeneutischen Historismus sowie der vergleichenden Ethnologie" und in engem Zusammenhang „einerseits zur Wissenssoziologie andererseits zur vergleichenden Verhaltensforschung" (1), Wert (Werthaltungen, Einstellungen und die daraus folgenden Verhaltensweisen), menschliches Selbst- und Weltverständnis.

 

Aufgabe der Sozialsemiotik ist die interdisziplinäre und aus der Perspektive der Semiose (2) und der semiosischen Systeme Betrachtung der sehr komplexen Problematiken, die diese Begriffe schildern. Die folgenden Bemerkungen wollen lediglich eine mögliche Grundlage darstellen.

 

Eine der wichtigsten Zeichendefinitionen von Charles Sanders Peirce lautet:

 

Ein Zeichen oder Repräsentamen ist etwas, das für jemanden in gewisser Hinsicht oder Fähigkeit [in some respect or capacity] für etwas steht. [...] Das Zeichen steht für etwas, sein Objekt. Es steht für dieses Objekt nicht in jeder Hinsicht, sondern in Bezug auf eine Art Idee, die ich bislang den Ground des Representamen genannt habe. (Collected Papers, 2.228)

 

Was Peirce nachdrücklich unterstreicht, ist die perspektivische Natur des Zeichens, ein fundamentaler Gewinn für die kognitive Semiotik. Umberto Eco [1973/1977: 31] weist darauf hin: in some respect or capacity bedeutet, dass das Zeichen nicht die Totalität des Gegenstandes repräsentiert, sondern ihn vermittels unterschiedlicher Abstraktionen nur von einem bestimmten Gesichtspunkt aus oder im Hinblick auf einen bestimmten praktischen Zweck vertritt. Der Ground  bemerkt Eco [1979/1987: 35] ist eben das, was von einem vorgegebenen Objekt unter einem bestimmten Gesichtspunkt wahrgenommen und übermittelt werden kann; insofern stellt der Ground nur eins unter den möglichen Prädikaten des Objekts dar. In einer bestimmten Beziehung zu einem Objekt zu stehen, bedeutet also: in einer bestimmten, perspektivischen Beziehung zum Objekt zu stehen, das Objekt von einem bestimmten Gesichtspunkt aus bzw. im Hinblick auf einen bestimmten praktischen Zweck zu perspektivieren. Man sieht, wie Peirce die traditionelle Zeichendefinition (etwas steht für etwas anders) erheblich bereichert: es geht nicht um ein mechanisch „für etwas anders Stehen": Das Zeichen ist ein perspektivischer Mechanismus und gerade darin besteht sein Erkenntniswert. Der Ground-Begriff ermöglicht eine Unterscheidung des Objekts: Es gibt das Objekt im allgemeinen (alle mögliche Eigenschaften eines Gegenstandes) und es gibt das Objekt so, wie das Zeichen es auf Grundlage von Grounds perspektiviert, erkennt, erkennen lässt, kommuniziert. Das Objekt im allgemeinen nennt Peirce das Dynamische Objekt; Dynamisches Objekt, weil unsere Interpretation dafür sorgt, dass die Realität, besser: die Konstitution der Realität durch die Interpretation der Zeichen (d.h. durch die Bedeutungskonstitution) ein fortdauernder, dynamischer Prozeß ist. Was von diesem Objekt durch das Zeichen/Representamen in irgendeiner Hinsicht (Ground) oder aufgrund irgendeiner Fähigkeit repräsentiert wird, nennt Peirce das Unmittelbare Objekt. Die Bedeutung eines Zeichens ist die Relation, in der dieses Zeichen mit dem Objekt, d.h. mir der Wirklichkeit steht, eben das Unmittelbare Objekt.

Dies impliziert, dass es verschiedene, unterschiedliche respects or capacities, alternative semiosische Prozesse (Perspektivierungen der Wirklichkeit), unterschiedliche Ziele geben könnte. Die Ideologie kann die Offenheit der Semiose orientieren, indem sie die Auffassung der Wirklichkeit auf bestimmte Richtungen hinlenkt: hier liegt ihr Erkenntniswert. Die Ideologie kann aber auch darauf abzielen, die Offenheit der Semiose zu dämpfen, zu verdrängen, sogar zu vernichten. In diesem Fall kann man – sicherlich etwas salopp – von Zeichen als Lüge sprechen.

 

Eco [1976/1991: 385-398] zufolge ist die Ideologie „ein organisiertes Weltbild", „ein möglicher Weg, der Welt Form zu geben", „eine Teilinterpretation der Welt". Eco definiert als „ideologische inventio" jene Aussage, die einem Zeichen eine bestimmte Eigenschaft zuschreibt und dabei andere mögliche wenn auch widersprüchliche Eigenschaften ignoriert oder verschleiert. Als „ideologische dispositio" definiert er „eine Argumentation, die, während sie explizit eine der möglichen situationellen Selektionen [d.h. eine der möglichen Selektionen von Eigenschaften, von respcts or capacities] wählt, nicht klar macht, dass es eine kontradiktorische Prämisse gibt oder eine scheinbar komplementäre Prämisse, die zur kontradiktorischen Konklusion führt, wodurch diese Argumentation die kontradiktorische Natur des semantischen Raumes [d.h. die unterschiedlichen, oft widersprüchlichen Arten und Weisen, das Dynamische Objekt zu perspektivieren] verschleiert" (S. 390) Dabei ist also die ideologische dispositio jene „Argumentation, die […] bewußt oder unbewußt die Marker [Eigenschaften, respects or capacities der Zeichen] unterdrückt, die die ‚Linearität’ des Arguments stören könnte" (ivi). Alternative Arten und Weisen, die Zeichen zu interpretieren, werden oft für „semantisch anomal oder referentiell falsch" gehalten; sie werden „als böswillige Bemühung empfunden, das law and order", welches ein bestimmtes semantisches Universum (ein bestimmtes Weltbild, eine bestimmte Kultur, Religion, Lebensform) beherrscht, zu untergraben (S. 398). Als partielles Weltbild verschleiert die Ideologie nicht nur die unterschiedlichen, vielfältigen Möglichkeiten, das Dynamische Objekt zu repräsentieren und zu interpretieren, sondern auch die pragmatischen Gründe, weshalb bestimmte Zeichen auf eine bestimmte Weise interpretiert bzw. erzeugt werden. „So führt Vergessen und Verdrängen zu einem falschen Bewusstsein" (S. 396).

Zusammenfassend läßt sich sagen: Es handelt sich bei Ecos Auffassung um die „Definition der Ideologie als einer auf einer sozialen Praxis beruhenden Hervorhebung einiger Aspekte des Inhalts [des Dynamischen Objekts] auf Kosten anderer, ohne dass man sich darüber klar ist, dass ein und dieselbe Situation auch andere und kontradiktorische Relevanzen [respects or capacities] zulassen würde" (Eco [1990/1992: 179-180]).

 

 

Betrachten wir das folgende Beispiel:

 

In einer Sitzung des englischen Parlaments – so wird es erzählt – schrie eine Abgeordnete Winston Churchill mit diesen Worten an: „Mr. Churchill, wäre ich Ihre Frau, so würde ich Ihren Tee vergiften". Daraufhin antwortete Churchill: „Lady, wäre ich Ihr Mann, so würde ich den vergifteten Tee mit großer Freude trinken".

 

Die Signifikation d.h. die Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat eines Zeichens oder zwischen Representamen und Unmittelbarem Objekt erfolgt durch Positionen und Oppositionen im Rahmen eines Systems. Nun bilden die Zeichen „Leben" und „Tod" eine fundamentale und untrennbare Opposition, wobei „Leben" das Dynamische Objekt obwohl „das Leben nicht fair ist" positiv perspektiviert, und zwar zumindest deswegen, weil es, solange es Leben gibt, auch Hoffnung gibt. Das Zeichen „Tod" perspektiviert hingegen das Dynamische Objekt negativ, als Ende des Lebens (und der Hoffnung). Wenn aber im Rahmen des semantischen Feldes von „Leben" ein negativer Aspekt (respect or capacity) erscheint, den man als „schlechte Qualität des Lebens" bezeichnen könnte, dann erscheint in dem semantischen Feld von „Tod" ein positiver Aspekt: in diesem Fall würde das Zeichen „Tod" das Dynamische Objekt positiv, als Ende eines unangenehmes Lebens, perspektivieren.

Die oben erzählte Anekdote über Winston Churchill ist nicht so naiv, wie es scheinen könnte. Die ganze Diskussion z.B. über die Euthanasie ist durch die Problematisierung bzw. die Vereinfachung der Opposition Leben vs. Tod geprägt. Damit jene Optionen verschleiert werden, die die Linearität seiner Argumente stören könnten, involviert der ideologische Diskurs „eine rhetorische Arbeit des Code-Wechsels" (Eco [1976/1991: 395]), d.h. eine Arbeit des Perspektiven-Wechsels. Wer z.B. gegen die Euthanasie ist, perspektiviert das Zeichen „aktive Sterbehilfe" als Mord und bezieht sich, insbesondere in Deutschland, auf die von den Nationalsozialisten praktizierte Euthanasie. Bei diesem Perspektiven-Wechsel wird der Wille des Patienten verschleiert: es wird nämlich verschleiert, dass sowohl für Hitler als auch für die Gegner der Euthanasie der Wille des Patienten (noch zu leben bzw. nicht mehr zu leben) keine Rolle spielt.

 

Noch ein Beispiel.

Der Film Der Untergang (Oliver Hirschbiegel, 2004) hat für Polemik gesorgt. Der Film rekonstruiert Hitlers letzte Tage (nach dem gleichnamigen Essay des Historikers Joachim Fest und den Aufzeichnungen der Hitler-Sekretärin Traudl Junge), wobei der Diktator so wird behauptet mit menschlichen Aspekten, Zügen dargestellt werde. Man hat die Frage aufgeworfen, ob es legitim sei, Hitler als Mensch darzustellen, ob es angebracht sei, dass Jugendliche mit diesem Hitler sowie z.B. damit, dass Frau Goebbels ihre sechs Kinder kaltblütig vergiftet, konfrontiert werden.

Zunächst einmal ist es anzumerken, dass die Aussage: „Hitler war kein Mensch, sondern ein Monster" zwar in gutem Glauben, mit bestem Gewissen gemeint sein kann, doch insofern ‚falsch’ ist, als sie ausschließlich die ‚unmenschlichen’ Züge Hitlers fokussiert. In Wirklichkeit geht es um den Nazismus, um ein System, das nicht nur auf dem ‚Monster’ Hitler und auf weiteren ‚Monstern’ (Goebbels, Göring, Himmler usw.) beruhte, sondern auch auf bestimmten ökonomischen und sozialen Interessen, auf Konsens also, auf kleiner und großer Mittäterschaft  und auf Gleichgültigkeit. Was Hitler spezifisch anbelangt, so ist nicht seine Menschlichkeit der Punkt: Hitler war ein Mensch, er hat wie ein Mensch gelitten, als z.B. seine Mutter und später seine Nichte starben. Der Punkt ist, dass er ein Fanatiker war, so wie Frau Goebbels: Wenn eine Mutter ihre Kinder mit der Begründung tötet, dass sie, wären sie Erwachsene gewesen, sicherlich damit einverstanden gewesen wären, dass es keinen Sinn hat, in einem Deutschland ohne Hitler zu leben, dann ist diese Mutter nicht unmenschlich, sondern fanatisch, oder wenn überhaupt: ihr Fanatismus macht sie zum Unmenschen. Noch einmal Leben vs. Tod: der Tod wird zum Positiven, weil das Leben ohne Hitler zum Negativen werden würde, und dies abgesehen von dem Willen der Kinder. Es scheint durchaus angebracht, dass Jugendliche damit konfrontiert werden, und zwar auch deswegen, weil der Fanatismus in enger Verbindung mit dem Vorurteil, dem Stereotyp, dem Feindbild und schließlich mit dem Totalitarismus steht. Was ist semiotisch betrachtet der Fanatismus?

„Fanatismus" (Französisch: fanatisme, fanatique, aus dem Lateinischen fanaticum, „von einer Gottheit [fanum = Tempel, Gotteshaus] besessen") bezeichnet die uneingeschränkte, absolute Zustimmung zu einem Glaubensbekenntnis und darüber hinaus zu einer Ansicht, einer Gesinnung, wobei die absolute Intoleranz gegenüber den Ansichten anderer charakteristisch ist. Semiotisch gesehen ist also der Fanatismus eine Denkweise, die eine einzige Perspektivierung (oder wenige jedenfalls nicht widersprüchliche Perspektivierungen) der Zeichen in radikaler, durchgreifender Art fixiert; dafür verschleiert er, ja vernichtet die anderen möglichen Perspektivierungen und darauf basiert er eine feste Regel, eine strenge ideologische Deduktion.

 

Alle Juden sind antinationale Verbrecher.                 (Regel)

Dieser Mensch ist ein Jude.                                         (Fall)

Dieser Mensch ist ein antinationaler Verbrecher.     (Resultat)

 

Es hätte nicht geholfen, Hitler zu sagen: „Dieser bestimmte Jude hat als Held in dem Weltkrieg gekämpft". Es hätte nicht geholfen, weil auch dieser bestimmte Jude durch die feste semiosische Relation zwischen der Klasse der Juden und der Klasse der antinationalen Verbrecher ‚interpretiert’ worden wäre, und zwar unabhängig von der Realität. Somit gerät der springende Punkt ins Zentrum:

 

Die strenge ideologische Deduktion, jene Deduktion, die auf einer oder wenigen und jedenfalls nicht widersprüchlichen Perspektivierungen der Zeichen basiert, jene Deduktion, die jede Art von totalitärem Denken charakterisiert, verliert die Beziehung zum Dynamischen Objekt (zur Realität), sie legitimiert sich sozusagen von alleine.

 

Kommen wir auf die Auffassung Ecos zurück. Grundsätzlich betrachtet Eco die Ideologie negativ als Mechanismus, der falsches Bewußtsein generiert. Ist die Ideologie nur falsches Bewußtsein? Eco [1976/1991: 396, Fußnote 54] schreibt:

 

Die marxistische ‚positive’ Deutung von ‚Ideologie’ als einer intellektuellen und politischen Waffe, die dem Zweck einer aktiven Veränderung der Welt dient, ist kein Widerspruch zur obigen negativen Definition; in diesem Sinn wird eine Ideologie benutzt im Bewußtsein  ihrer Einseitigkeit und ohne Verschleierung dessen, was sie ablehnt; nur hat hier ein vorher festgelegtes System von Prämissen auf der Grundlage einer bestimmten Gesellschaftstheorie und bestimmter materieller Bedürfnisse klargestellt, was man erreichen möchte und was man vorzieht […].

 

Was bedeutet „eine intellektuelle und politische Waffe“? Was bedeutet „dem Zweck einer aktiven Veränderung der Welt“ zu dienen? Was ist semiotisch dieser Zweck? Was ist semiotisch eine Gesellschaftstheorie?

 

Betrachten wir die folgende ausführliche Zeichendefinition von Peirce (CP: 8.343):

 

I define a Sign as anything which on the one hand is so determined by an Object and on the other hand so determines an idea in a person's mind, that this latter determination, which I term the Interpretant of the sign, is thereby mediately determined by that Object. A sign, therefore, has a triadic relation to its Object and to its Interpretant. But it is necessary to distinguish the Immediate Object, or the Object as the Sign represents it, from the Dynamical Object, or really efficient but not immediately present Object. It is likewise requisite to distinguish the Immediate Interpretant, i.e. the Interpretant represented or signified in the Sign, from the Dynamic Interpretant, or effect actually produced on the mind by the Sign; and both of these from the Normal Interpretant, or effect that would be produced on the mind by the Sign after sufficient development of thought.

 

Ein Zeichen so meint Peirce ist kein Zeichen, es sei denn, es lässt sich in ein anderes Zeichen übersetzen, in welchem es weiter entwickelt ist. Dieses andere Zeichen ist der Interpretant. Peirce unterscheidet: den Unmittelbaren (oder Emotionalen), den Dynamischen (oder Energetischen) und den Finalen (oder Logischen oder Normalen) Interpretanten.

Wenn ein Raucher z.B. heute in einem öffentlichen Lokal einen Aschenbecher sieht, könnte er sagen: „Das ist aber ein Zeichen für Toleranz“. In Wirklichkeit: Wenn wir diesen Gegenstand semiotisieren, als Zeichen betrachten, dann ist seine erste, Basis-Bedeutung (Peirce würde sagen: der Unmittelbare Interpretant, „the Interpretant represented or signified in the Sign“): „Ein Behältnis zu dem Zweck, die Asche der Zigaretten aufzunehmen“. Der Punkt ist aber: Wie wirkt dieses Zeichen in einer bestimmten kulturellen, pragmatischen Situation auf einen bestimmten Menschen (Peirce würde sagen: was ist der Dynamische Interpretant, „or effect actually produced on the mind by the Sign“)? Ein Raucher könnte den Aschenbecher als Zeichen für Toleranz betrachten, ein Nicht-Raucher als Zeichen für Intoleranz, als Zeichen dafür, dass er in diesem Lokal gezwungen ist, passiv und gegen seinen Willen zu rauchen. Es handelt sich also um zwei unterschiedliche Dynamische Interpretanten. Das ist aber noch nicht alles. Der Raucher wird sich wahrscheinlich dafür entscheiden, in das Lokal wiederzukommen; der Nicht-Raucher wird beschließen, das Lokal auf der Stelle zu verlassen und es nie wieder zu betreten. Diese Gewohnheit bzw. Gewohnheitsveränderung (Peirce sagt: habit, habit-change) ist der letzte (in Wirklichkeit immer vorläufige) Interpretant, der Logische oder Finale Interpretant des Zeichens. Dies hängt mit dem Pragmatismus von Peirce zusammen, mit der Auffassung nämlich, dass die ganze Funktion des Denkens die ist, Gewohnheiten des Handelns zu erzeugen, dass wir, um die Bedeutung eines Zeichens zu entfalten, bestimmen müssen, welche Gewohnheiten es erzeugt, denn was etwas bedeutet, ist einfach, welche Gewohnheiten es einschließt (vgl. CP: 5.400-402). Die Erkenntnis ist also durch ihre praktischen Wirkungen bestimmt. Es handelt sich um einen sehr wichtigen Punkt, weil die semiotische Forschung sich hierbei mit der soziologischen und historischen Forschung verbindet und ergänzt. Denn: Gewohnheiten und Gewohnheitsveränderungen eines Menschen sind nicht isoliert, sie stehen in enger Verbindung mit den Gewohnheiten einer Gesellschaft, mit den kulturellen Standardisierungen. Heute könnte die Anwesenheit des Aschenbechers bedeuten: „Man darf rauchen“, nicht etwa vor dreißig Jahren, als es selbstverständlich war, dass man überall rauchen durfte. Heute hat sich die kulturelle Haltung dem Rauchen gegenüber völlig geändert. Dies bedeutet: Der Finale Interpretant des Zeichens „Rauchen” hat sich geändert und bestimmte Handlungen (Gesetzte) als Folge gehabt. Deswegen meint der Raucher, der Aschenbecher sei ein Zeichen der Toleranz (selbstverständlich nach seiner Auffassung der Toleranz: es geht immer, wie man sieht, um Perspektivierungen), und deswegen wird er wahrscheinlich in das Lokal wiederkommen.

Man betrachte die folgende Karikatur (das Beispiel stammt aus: Magdalena Ignaszewska, Feindbilder in Karikaturen. Eine semiotische Untersuchung zum Zeichenrepertoire der Feinddarstellung anhand von antijüdischen Karikaturen. Diplomarbeit, Europa-Universität Viadrina, Fakultät für Kulturwissenschaften, Frankfurt (Oder) 2005):

 

 

Der Unmittelbare Interpretant dieser Karikatur lautet etwa: „Ein hässlicher Mann macht sich an eine Frau heran. Die Frau ist nackt, es dürfte sich also um eine erotische Annährung handeln. Außerdem scheint die Frau keine Angst vor dem hässlichen Mann zu haben.“ Doch: der Dynamische Interpretant, den die Karikatur in dem bestimmten kulturellen Kontext, in dem sie entstand (Deutschland um 1940), hervorrufen will, lautet etwa: „Ein Jude (der Code verbindet den Signifikanten „Physiognomie“ des Mannes, insbesondere den Signifikanten „lange, hässliche Nase” mit dem Signifikat „Jude”) macht sich an eine Frau heran; die Frau scheint sich gar nicht davon bewusst zu sein, welche Gefahr der Jude für sie darstellt.“ Der Finale Interpretant, das „habit-change”, das die Karikatur schaffen will, lautet etwa: „Diese Juden sind gefährliche Vergewaltiger, und die Frauen sollten ihre Annäherungsversuche auf jeden Fall ablehnen.“

 

Dabei ist es angebracht, eine nützliche Unterscheidung zwischen Logischem Interpretanten und Finalem Interpretanten vorzuschlagen. Die Texte von Peirce ermöglichen diese Unterscheidung (vgl. Lanza [1998]). Der Logische Interpretant stellt eine Gewohnheit (eine Tendenz zum Handeln) dar, die von einem einzelnen bzw. von einer kleinen Gruppe ausgeht. Der Finale Interpretant stellt hingegen eine normierte Gewohnheit, eine Gewohnheit dar, die von einer Gesellschaft (oder von der Mehrheit einer Gesellschaft), von einer Kultur anerkannt wird und entsprechendes Verhalten zur Folge hat. Die oben betrachtete Karikatur zielt gerade darauf ab, der von einer Gruppe, von einer Partei behauptete Logische Interpretant des Zeichens „Jude” von der Gemeinschaft als Finaler Interpretant akzeptieren zu lassen. Damals gelang es auch: Der Finale Interpretant, den diese und andere antijüdische Karikaturen hervorriefen, lautete für viele Deutsche damals etwa: „Diese Juden sind Schweine, die die deutsche Gemeinschaft bedrohen.“ Dies war nicht wahr, aber der Holocaust ist eine wahre Tragödie, die die Folge (als Handlung!) eines perversen Finalen Interpretanten gewesen ist. 

 

Die Ideologie kann tatsächlich als Komplex von Interpretanten betrachtet werden. Bei dieser Problematik hilft uns das Denken eines sehr interessanten italienischen Philosophen und Semiotikers, der in Deutschland noch nicht genug studiert ist, nämlich Ferruccio Rossi-Landi (3). Selbstverständlich werde ich mich im folgenden darauf beschränken, nur einige Thesen von Rossi-Landi zu betrachten.

Die Ideologie ist Rossi-Landi zufolge die diskursive Rationalisierung des falschen Bewußtseins, d.h. sie ist das falsche Bewußtsein, das kraft der Zeichen, insbesondere der sprachlichen Zeichen, zu theoretischer Regelung, zu theoretischer Systematisierung wird und sich in einer gesellschaftlichen Projektion (4) konkretisiert.

 

Dinzelbacher [1993: XXIII] meint:

 

Ideologie ist der Inhalt von Überzeugungen, ist der Persönlichkeitsform ‚ferner’, Mentalität ist die ursprünglichere, ‚nähere’ Gesamtdisposition. Mentalität ist eine Haut – Ideologie ist ein Gewand. Aber ein Gewand, das zur Haut werden kann.

 

Zugegeben, dass Ideologie der Persönlichkeitsform ‚ferner’, Mentalität ‚näher’ ist, wie wird aber eine Ideologie „zur Haut"? Ich würde sagen: durch theoretische Regelung und Systematisierung, durch den Versuch, die Gemeinschaft nach bestimmter Überzeugung zu modellieren, zu planen, indem eine bestimmte Mentalität eben als theoretische Regelung und Systematisierung auf die Gemeinschaft projiziert wird. Dies ist die Ideologie „als intellektuelle und politische Waffe", die „dem Zweck einer aktiven Veränderung der Welt dient".

 

Die gesellschaftliche Projektion, von der Rossi-Landi spricht, scheint mir, ganz deutlich der Peircesche Logische Interpretant zu sein, doch jener Logische Interpretant, der nicht nur die persönliche Tendenz zum Handeln eines Menschen bestimmt, sondern auch darauf abzielt, von einer so großen wie möglich Gemeinschaft als Finaler Interpretant anerkannt zu werden.

 

Eben jene Gesellschaft, die den Logischen Interpretanten anerkennt, akzeptiert und zum Bestandteil ihrer Mentalität macht, und das daraus folgende Verhalten werden geplant, und zwar mittels Handlungen, solcher wie z.B. die Gründung einer Partei bzw. das Schreiben von einem Aufsatz. Somit ernährt sich die Ideologie (Gewand) von der Mentalität (Haut) und sorgt gleichzeitig dafür, dass Mentalität verändert wird, und dass sich neue Mentalität bildet.

 

Auf der Basis des Verhältnisses zur Realität und zur historischen Entwicklung unterscheidet Rossi-Landi zwei grundlegende Arten der gesellschaftlichen Projektion: die konservative und die progressive.

Die konservative gesellschaftliche Projektion ist durch den Versuch geprägt, dafür zu sorgen, dass die Zukunft der Vergangenheit ähnelt oder gleicht; sie ist statisch, ontologisiert die Werte, die sie verteidigt, entwertet die kreative Kraft des Denkens; sehr oft stellt sie ihre Thesen als natürliche oder übernatürliche (transzendente) Thesen dar, darum stellt sie sich selbst als nicht-ideologischen Diskurs dar. Somit setzt sie voraus, dass etwas existiert, das nur natürlich oder übernatürlich und also außerhistorisch ist, d.h. außer der historischen Entwicklung liegt.

Die progressive gesellschaftliche Projektion gibt zu (anerkennt es), ein ideologischer Diskurs zu sein, verzichtet auf ihre Maske, weswegen sie bestens dazu geeignet ist, dem konservativen Diskurs die Maske abzunehmen; sie privilegiert nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft, eine Zukunft, die noch nicht existiert, die aber existieren könnte, und zwar notwendigerweise historisch, innerhalb und nicht außerhalb der Geschichte. Sie ist also dynamisch, nicht statisch, zukunfst- und nicht vergangenheitsorientiert, infrahistorisch und nicht außerhistorisch.

Der konservative Logische Interpretant konkretisiert sich in dem Satz `Es ist immer so gewesen, es muß so weiter seinA , eben in der Ontologiezierung der prädizierten Werten.

Der progressive Logische Interpretant konkretisiert sich in der Suche nach einer Zukunft, die noch nicht existiert, die aber historisch existieren könnte. Das ist der reale Peircesche Logische Interpretant, der kein Objekt sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit haben kann, weil er dazu beitragen sollte, das Objekt neu zu konstituieren (5).

 

 

Wir wollen jetzt ein komplexeres Beispiel analysieren.

Ende Juli 2004 wurde ein Schreiben des damaligen Papstes an die Bischöfe über das Thema Die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt veröffentlicht (6). Das Schreiben wurde von der Glaubenkongregation verfasst, die damals von Kardinal Joseph Ratzinger geleitet wurde.

Wir wollen eben einige Aspekte dieses Schreibens analysieren, weil dieser Text ein paradigmatisches und immer noch aktuelles Beispiel für eine konservative gesellschaftliche Projektion, die eine progressive gesellschaftliche Projektion bekämpft, darstellt.

 

Beginnen wir mit der Art und Weise, wie das Problem dargestellt wird:

 

DAS PROBLEM

In den letzten Jahren haben sich in der Auseinandersetzung mit der Frauenfrage neue Tendenzen abgezeichnet. Eine erste Tendenz unterstreicht stark den Zustand der Unterordnung der Frau, um eine Haltung des Protestes hervorzurufen. So macht sich die Frau, um wirklich Frau zu sein, zum Gegner des Mannes. Auf die Missbräuche der Macht antwortet sie mit einer Strategie des Strebens nach Macht. Dieser Prozess führt zu einer Rivalität der Geschlechter, bei der die Identität und die Rolle des einen zum Nachteil des anderen gereichen. Die Folge davon ist eine Verwirrung in der Anthropologie, die Schaden bringt und ihre unmittelbarste und unheilvollste Auswirkung in der Struktur der Familie hat.

Im Sog dieser ersten Tendenz ergibt sich eine zweite. Um jegliche Überlegenheit des einen oder des anderen Geschlechts zu vermeiden, neigt man dazu, ihre Unterschiede zu beseitigen und als bloße Auswirkungen einer historisch-kulturellen Gegebenheit zu betrachten. Bei dieser Einebnung wird die leibliche Verschiedenheit, Geschlecht genannt, auf ein Minimum reduziert, während die streng kulturelle Dimension, Gender genannt, in höchstem Maß herausgestrichen und für vorrangig gehalten wird. Die Verschleierung der Verschiedenheit oder Dualität der Geschlechter bringt gewaltige Auswirkungen auf verschiedenen Ebenen mit sich. Diese Anthropologie, die Perspektiven für eine Gleichberechtigung der Frau fördern und sie von jedem biologischen Determinismus befreien wollte, inspiriert in Wirklichkeit Ideologien, die zum Beispiel die Infragestellung der Familie, zu der naturgemäß Eltern, also Vater und Mutter, gehören, die Gleichstellung der Homosexualität mit der Heterosexualität sowie ein neues Modell polymorpher Sexualität fördern.

Die unmittelbare Wurzel der genannten Tendenz findet sich im Kontext der Frauenfrage. Ihre tiefste Begründung muss aber im Versuch der menschlichen Person nach Befreiung von den eigenen biologischen Gegebenheiten gesucht werden. Gemäß dieser anthropologischen Perspektive hätte die menschliche Natur keine Merkmale an sich, die sich ihr in absoluter Weise auferlegen: Jede Person könnte und müsste sich nach eigenem Gutdünken formen, weil sie von jeder Vorausbestimmung auf Grund ihrer Wesenskonstitution frei wäre.

Diese Perspektive hat vielfältige Auswirkungen. Zum einen wird dadurch die Meinung bekräftigt, die Befreiung der Frau bringe eine Kritik an der Heiligen Schrift mit sich, die ein patriarchalisches Verständnis von Gott überliefere, das von einer wesentlich männlichen Kultur genährt sei. Zum anderen ist es gemäß dieser Tendenz unwichtig und bedeutungslos, dass der Sohn Gottes die menschliche Natur als Mann angenommen hat.

Angesichts dieser Denkströmungen spricht die Kirche hingegen, erleuchtet vom Glauben an Jesus Christus, von aktiver Zusammenarbeit von Mann und Frau bei ausdrücklicher Anerkennung ihrer Verschiedenheit.

 

Es ist auffällig die totale Unbestimmtheit, die absolute Oberflächlichkeit bei der Problemstellung. Es wird „in den letzten Jahren" gesagt, es wird von zwei „neuen" Tendenzen, die sich „in der Auseinandersetzung mit der Frauenfrage" bzw. „im Kontext der Frauenfrage" abgezeichnet haben sollen, gesprochen, es wird von Geschlecht und Gender gesprochen, doch wird all dies unpräzis geschildert und mit keinerlei Hinweis auf Texte (außer den texten des Papstes) dokumentiert. Zum Beispiel: Wenn die zwei Tendenzen neu sind, dann hat es alte Tendenzen gegeben. Um welche Tendenzen ging es? Es wäre korrekt gewesen, die neuen Tendenzen auf dem Hintergrund der alten zu betrachten. Die neuen Tendenzen zeichnen sich ab bzw. haben ihre unmittelbare Wurzel „in der Auseinandersetzung mit der Frauenfrage" bzw. „im Kontext der Frauenfrage". Abgesehen davon, dass die Ausdrücke: „sich in der Auseinandersetzung mit der Frauenfrage abzeichnen" und „die unmittelbare Wurzel im Kontext der Frauenfrage haben" unpräzis sind und nicht genau dasselbe bezeichnen (7), ist der wichtige Punkt, dass die Frauenfrage also existierte, bevor diese zwei Tendenzen erschienen, sonst hätten sich die zwei Tendenzen nicht „in der Auseinandersetzung mit der Frauenfrage" abzeichnen bzw. hätten sie keine Wurzel „im Kontext der Frauenfrage" haben können. Und in der Tat wird gesagt, dass „die erste Tendenz den Zustand der Unterordnung der Frau stark [wer weiß, was dieses „stark" bedeutet; vielleicht „zu stark"?] unterstreicht". Was waren und was sind diese Frauenfrage und diese Unterordnung der Frau?

In Wirklichkeit haben wir es hierbei mit einer ideologischen inventio und mit einer ideologischen dispositio (mit dem dazugehörenden Perspektiven-Wechsel) zu tun. Es geht darum, die zwei Tendenzen auf bestimmte Weise zu perspektivieren, die Frauenfrage und die Unterordnung der Frau an sich spielen – jedenfalls vorerst – gar keine Rolle.

Die erste Tendenz wird als ein Protest gegen die Unterordnung der Frau perspektiviert, die dazu führe, dass die Frau zum Gegner des Mannes werde und auf die männlichen Missbräuche der Macht mit dem Streben nach Macht antworte. „Missbräuche der Macht" ist ein wichtiges Zeichen: die Macht des Mannes ist selbstverständlich kein Thema, die Missbräuche der Macht sind das Problem. Die von der ersten Tendenz vorgeschlagene Strategie, um dieses Problem zu lösen, sei aber falsch, weil sie zur Rivalität zwischen Mann und Frau führe, und zwar mit unmittelbarster und unheilvollster Auswirkung in der Struktur der Familie.

Die zweite Tendenz wird als Versuch, die natürlichen Merkmale der menschlichen Natur und also die natürliche Verschiedenheit zwischen Mann und Frau zu verschleiern, perspektiviert. Dabei werde die natürliche Verschiedenheit auf ein Minimum reduziert (was genau bedeutet, „die Verschiedenheit auf ein Minimum zu reduzieren", wird nicht verraten), während die auf historischen und kulturellen Gründen beruhende Verschiedenheit in höchstem Maß herausgestrichen und für vorrangig gehalten werde. Diese auf der Verschleierung der Verschiedenheit der Geschlechter beruhende Anthropologie inspiriere Ideologien, die die Familie in Frage stellten, die Gleichstellung der Homosexualität mit der Heterosexualität sowie ein neues Modell polymorpher Sexualität förderten. „Polymorph" stammt aus dem Griechischen und bedeutet: „vielförmig", also etwa: eine vielförmige (vielgestaltige) Sexualität. Es wäre angebracht gewesen, zu klären, was genau diese polymorphe Sexualität ist, und im welchen Sinn die kulturelle Klärung der Verschiedenheit zwischen Mann und Frau eine Ideologie inspiriert, die zu dieser Sexualität führt. Es ist aber wichtiger anzumerken, dass es von Ideologien gesprochen wird, die auf Verschleierung basieren. Es wird also Ideologie-Kritik betrieben, doch auf welcher Basis? Auf der Basis eines Diskurses, der sich als nicht ideologisch darstellt und auf die menschliche Natur bezieht. Hierbei finden wir das Hauptmerkmal – nach Meinung von Rossi-Landi – der konservativen gesellschaftlichen Projektion: die Ontologisierung der Werte (es wird z.B. bei der Betrachtung der ersten Tendenz von „Struktur der Familie" gesprochen; doch von welcher Familie ist die Rede? Die Familie, selbst die süditalienische Familie, hat sich im Laufe der Zeit gewandelt; dies spielt aber keine Rolle, weil die Familie ein außerhistorischer, ontologischer Wert ist), die Voraussetzung von etwas, das nur natürlich ist. Deswegen können andere Diskurse für Ideologien, die auf Verschleierung basieren und die natürliche Ordnung bedrohen, gehalten werden, während der eigene Diskurs als objektiv, natürlich und nicht ideologisch dargestellt wird. In Wirklichkeit ist der in dieser Problemstellung enthaltene Diskurs – trotz seiner Ansprüche – ideologisch. Er besteht aus Interpretanten, die das Dynamische Objekt perspektivieren, und zwar im Hinblick auf eine gesellschaftliche Projektion. Es kann aber mehrere mögliche Perspektivierungen geben, und gerade dabei spielen die Werte, die als natürlich und außerhistorisch betrachtet und dargestellt werden, die entscheidende Rolle: sie stellen ein privilegiertes Mittel dar, um alternative, mögliche Perspektivierungen des Dynamischen Objekts von vornherein zu neutralisieren. Der Anspruch darauf, dass ein System von Werten (Verschiedenheit der Geschlechter, Familie, „zu der naturgemäß Eltern, also Vater und Mutter, gehören", normale, also nicht „polymorphe" Sexualität), das ein historisches Faktum ist, ein natürliches, ontologisches, nicht partielles und nicht ideologisches Phänomen sei, ermöglicht es, jede andere alternative Option a priori auszuschließen. Deswegen kann es nicht wundern, dass über das Problem der kulturellen Verschiedenheit zwischen Mann und Frau kein einziges Wort gesagt wird.

Im Rahmen der außerhistorischen, ontologischen Werte sind die religiösen Werte von großer Bedeutung: sie sind außerhistorisch, absolut, ontologisch, übernatürlich par excellence. Es ist selbstverständlich, dass diese Werte in einem Schreiben des Papstes die überwiegende Rolle spielen. Schon in der Einleitung/Problemstellung wird darauf hingewiesen, dass die Tendenz, die die natürliche Verschiedenheit von Mann und Frau verschleiert, „die Meinung bekräftigt, die Befreiung der Frau bringe eine Kritik an der Heiligen Schrift mit sich, die ein patriarchalisches Verständnis von Gott überliefere, das von einer wesentlich männlichen Kultur genährt sei." Und noch mehr: diese Tendenz hält für „unwichtig und bedeutungslos, dass der Sohn Gottes die menschliche Natur als Mann angenommen hat". Jesus, Sohn Gottes und Mann, verkörpert die natürlichen und religiösen Werte, worauf der in diesem Schreiben enthaltene Diskurs beruht (8). Wenn also die Kirche den zwei neuen Tendenzen die aktive Zusammenarbeit von Mann und Frau „bei ausdrücklicher Anerkennung ihrer Verschiedenheit" gegenüberstellt, ist dieser alternative Vorschlag „vom Glauben an Jesus Christus" „erleuchtet". Der zweite Paragraph des Schreibens gilt eben den „Grundaussagen der biblischen Theologie". Dazu möchte ich nur folgendes anmerken.

Die Heiligen Schriften stellen – semiotisch betrachtet – eine Interpretation der Welt dar, die weiter interpretiert wird. Hier liegt aber das Problem, nämlich in der Interpretation jener besonderen Interpretation, die die Heiligen Schriften repräsentieren. Interpretieren bedeutet immer, einige Aspekte des zu interpretierenden Gegenstandes zu perspektivieren, hervorzuheben, andere wiederum zu verdunkeln. Dies impliziert die Partialität, die Relativität jeder Interpretation. Dabei befindet sich die Theologie, wie Eco [1984/1985: 222-225] sehr zutreffend bemerkt, in einer paradoxen Situation: Sie muß einen Weg finden, die freie Interpretation (die unendliche Semiose, würde Peirce sagen) zu kontrollieren. Die ‚richtige’ Deutung der Heiligen Schriften wird von einer einzigen Autorität (z.B. von der Kirche) festgelegt, indem diese Autorität sich auf die Tradition gründet. Aber die Tradition sagt Eco weiter ist nichts anderes als die Reihe der ‚richtigen’ Interpretationen der Heiligen Schriften. Also: „Die Tradition leitet ihr Recht auf die Kontrolle der Interpretation der Bücher von der Interpretation der Bücher her. Quis custodiet custodes? Wie kann die Autorität die Interpretation legitimieren, wenn die Autorität selbst durch die Interpretation legitimiert ist?" Es geht um Macht. Eco sagt: „Macht besteht darin, den Schlüssel für die richtige Interpretation zu besitzen oder (was dasselbe ist) von der Gemeinschaft als derjenige anerkannt zu werden, der den Schlüssel besitzt". Semiotisch stellt also die ‚richtige’ Deutung den Logischen Interpretanten der Heiligen Schriften dar, der von der Gemeinschaft als Finaler Interpretant anerkannt wird (oder werden sollte).

Ich respektiere die im Schreiben dargestellten Grundaussagen der biblischen Theologie, doch lehne ich es ab, dass diese Darstellung die einzige mögliche, also die richtige ist. Sie beruht auf der Tradition, auf der Autorität und also auf der Macht. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Gründ, warum der Papst und die Hierarchie diesen ‚Brief’ geschrieben haben, das Bewußtsein dessen ist, dass insbesondere die Frauen diese auf Tradition, Autorität und Macht basierte Interpretation der Heiligen Schriften nicht mehr akzeptieren. Es handelt sich um den Versuch, die Logischen Interpretanten der Kirche von den Frauen als Finale Interpretanten wieder anerkennen zu lassen (9).

Ich möchte nur ein Beispiel für die Fragwürdigkeit dieser Interpretation liefern. Es wird auf jenen Symbolismus hingewiesen, demzufolge Gott, sich als Bräutigam zu erkennen, gibt, der Israel, seine Braut, liebt. Und es wird behauptet:

 

Im Gebrauch dieser Weise der Offenbarung ist das Hohelied zweifellos von herausragender Bedeutung. In den Worten einer ganz und gar menschlichen Liebe, welche die Schönheit der Leiber und das Glück der gegenseitigen Suche besingt, kommt auch die göttliche Liebe für sein Volk zum Ausdruck. Die Kirche ist deshalb nicht in die Irre gegangen, wenn sie in der kühnen Verbindung des ganz und gar Menschlichen mit dem ganz und gar Göttlichen durch die Verwendung derselben Ausdrücke das Mysterium ihrer Beziehung zu Christus erkannt hat.

 

In Wahrheit gibt es in dem Hohelied keine einzige Stelle, die diese ‚Interpretation’ (die Liebe Gottes für sein Volk) rechtfertigt. Mit Ecos Terminologie (vgl. Eco [1990/1992: 45]) kann man sagen, dass hier die intentio operis von der intentio lectoris abhängig gemacht wird, d.h.: der Text wird nicht interpretiert, sondern be- und ausgenutzt. Gerade aus dieser Ausnutzung wird dann eine Schlußfolgerung gezogen, die selbstverständlich der Kirche recht gibt und streng deduktiv das bestätigt, was von vornherein behauptet wurde. Dieser Mechanismus erscheint deutlich bei der Betrachtung der Frauenfrage:

 

Vor allem muss der personale Charakter des Menschen unterstrichen werden. »Der Mensch ist eine Person: das gilt in gleichem Maße für den Mann und für die Frau; denn beide sind nach dem Bild und Gleichnis des personhaften Gottes geschaffen«. Die gleiche Würde der Personen verwirklicht sich als physische, psychologische und ontologische Komplementarität, die eine auf Beziehung angelegte harmonische »Einheit in der Zweiheit« schafft. Nur die Sünde und die in der Kultur eingeschriebenen »Strukturen der Sünde« haben aus dieser Beziehung eine potentielle Konfliktsituation gemacht.

 

Es wäre angebracht gewesen, deutlich zu klären, was genau die in der Kultur (in welcher Kultur? In der menschlichen Kultur im allgemeinen?) eingeschriebenen „Strukturen der Sünde" sind. Doch wissen wir jetzt: die Frauenfrage (und also die Unterordnung der Frau) ist eine Folge der Sünde, d.h. der Erbsünde: „Die Erbsünde verfälscht die Art, in welcher der Mann und die Frau das Wort Gottes aufnehmen und leben, sowie ihre Beziehung zum Schöpfer." Dies ist ein typischer Denkmechanismus: Warum existieren das Übel, das Leiden, die Krankheit? Dafür ist der Mensch verantwortlich, weil der Mensch sich infolge der Erbsünde von Gott entfernt hat. Somit ‚ertrinken’ sozusagen die historischen, sozialen Verantwortungen von bestimmten Menschen in dieser allgemeinen, ursprünglichen und außerhistorischen Verantwortung.

Wenn die Frauenfrage eine Folge der Sünde ist, muß die Logik der Sünde durchbrochen werden:

 

Würden die Probleme im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen den Geschlechtern nur ausgehend von der durch die Sünde geprägten Situation betrachtet und analysiert, fiele das Denken notwendigerweise in die oben erwähnten Irrtümer [die zwei Tendenzen] zurück. Man muss deshalb die Logik der Sünde durchbrechen und einen Weg suchen, der es möglich macht, diese Logik aus dem Herzen des sündigen Menschen zu beseitigen.

 

Was bedeutet dies konkret und heute im Leben der Gesellschaft? Es bedeutet in erster Linie die Erkenntnis dessen, dass „Mann und Frau von Beginn der Schöpfung an unterschieden sind und es in alle Ewigkeit bleiben". Welches ist das Merkmal der Frau im Rahmen dieser Verschiedenheit?

 

Unter den Grundwerten, die mit dem konkreten Leben der Frau verbunden sind, ist jener zu erwähnen, den man ihre »Fähigkeit für den anderen« genannt hat. Trotz der Tatsache, dass eine gewisse Strömung des Feminismus Ansprüche »für sie selber« einfordert, bewahrt die Frau doch die tiefgründige Intuition, dass das Beste ihres Lebens darin besteht, sich für das Wohl des anderen einzusetzen, für sein Wachstum, für seinen Schutz.

Diese Intuition ist mit ihrer physischen Fähigkeit verbunden, Leben zu schenken. Die gelebte oder potentielle Fähigkeit zur Mutterschaft ist eine Wirklichkeit, die die weibliche Persönlichkeit zutiefst prägt. Sie hilft ihr, sehr schnell Reife, Sinn für die Bedeutung des Lebens und die damit verbundene Verantwortung zu erlangen.

 

Man merke die übliche Unbestimmtheit: „eine gewisse Strömung des Feminismus". Welche Strömung? Und welchen weiteren Strömungen gibt es, oder hat es gegeben? Und was versteht genau diese gewisse Strömung des Feminismus unter „Ansprüche »für sie selber«"? Noch einmal dient die Unbestimmtheit der Struktur des ideologischen Diskurses (inventio, dispositio, Perspektiven-Wechsel). Danach sieht das Zeichen Frau folgendermaßen aus:

 

 

 

 

 

Der natürliche (und religiöse (10)) Wert Mutterschaft und folglich die Fähigkeit für den anderen bilden den Dynamischen Interpretanten des Zeichens Frau, führen zum Logischen (für die Kirche: Finalen) Interpretanten sich für das Wohl des anderen einsetzen, und ermöglichen es, andere Dynamische und Logische Interpretanten auszuschließen. Darum ist klar, wieso die ‚gewisse’ Strömung des Feminismus nur als polemische Zielscheibe, nicht als paritärer Gesprächspartner angesprochen wird. Darüber hinaus wird diese Interpretation der Frau selbst zugeschrieben, und zwar in Form einer „tiefgründigen Intuition", d.h. in Form eines Emotionalen Interpretanten der Mutterschaft. Dies scheint mir das ‚Meisterwerk’ bei dem Perspektiven-Wechsel in der oben zitierten Passage. „Die gelebte oder potentielle Fähigkeit zur Mutterschaft ist eine Wirklichkeit", d.h. diese Fähigkeit ist das Dynamische Objekt. Das Dynamische Objekt wird zum Zeichen/Representamen, wenn es mittels Interpretanten interpretiert, d.h. perspektiviert wird. Angeblich wird die Mutterschaft von der Frau als Zeichen dafür interpretiert, „dass das Beste ihres Lebens darin besteht, sich für das Wohl des anderen einzusetzen, für sein Wachstum, für seinen Schutz". Diese Interpretation ist aber eine Intuition, d.h. ein Gefühl, ein Emotionaler Interpretant. Wenn wir eine schlüssige These von Peirce (11) anwenden, können wir sagen:

 

Die Frau hat ein Gefühl, was sie als Beleg dafür interpretiert, dass sie die eigentliche Bedeutung der Mutterschaft als Zeichen verstanden hat, obgleich – würde Peirce betonen – die Wahrheit darin häufig sehr schwach fundiert ist. Der emotionale Interpretant kann in einigen Fällen der einzige eigentliche bedeutsame Effekt, den das Zeichen hervorruft, sein. In diesem Fall ist die Intuition der Frau, dass „das Beste ihres Lebens darin besteht, sich für das Wohl des anderen einzusetzen, für sein Wachstum, für seinen Schutz", tatsächlich der einzige eigentliche bedeutsame Effekt, den das Zeichen Mutterschaft in der Frau hervorruft.

 

Somit verbinden sich der natürliche Wert, die Interpretation des Zeichens und die daraus folgende Gewohnheit perfekt und untrennbar in der Intuition der Frau.

Andererseits – wird es weiter gesagt – ist es nicht richtig, die Frau „nur unter dem Aspekt der biologischen Fortpflanzung zu sehen": dies könnte zu „vitalistischen Ausdrücken" sowie zur „Abwertung der Frau" führen. Wie man sieht, hat sich der Blickpunkt jetzt geändert: die Perspektive/Intuition der Frau spielt keine Rolle mehr, während die Art und Weise, wie die Frau (von dem Mann?, von der Frau selbst?, von der Gesellschaft?, von der Kultur? Das wird nicht präzisiert) betrachtet wird, ins Zentrum gerät. Dabei muß der Wert Mutterschaft durch einen weiteren natürlichen und religiösen Wert ergänzt werden, nämlich durch die „christliche Berufung zur Jungfräulichkeit". „Diese Berufung widerlegt radikal jeden Anspruch, die Frauen in ein bloß biologisches Schicksal einzuschließen".

In Wahrheit hat Jesus niemals zur Jungfräulichkeit aufgerufen; außerdem werden durch die Hervorhebung von Mutterschaft und Jungfräulichkeit die Sexualität der Frau und das Recht der Frau auf sexuelle Freude, und zwar unabhängig von der Mutterschaft, völlig verschleiert. Doch visualisieren wir die Struktur des Zeichens Jungfräulichkeit:

 

 

 

 

Somit überschneiden und ergänzen sich gegenseitig zwei Logische Interpretanten:

1. der Logische Interpretant von Mutterschaft: „sich für das Wohl des anderen einsetzen", d.h. „zur christlichen Berufung gehört immer die konkrete Selbsthingabe an den anderen", und

2. der Logische Interpretant von Jungfräulichkeit: die „geistliche Dimension" der Mutterschaft, d.h. „Um dem anderen wirklich das Leben zu schenken, darf man sich nicht mit der physischen Zeugung begnügen. Dies bedeutet, dass es Formen der vollen Verwirklichung der Mutterschaft auch dort geben kann, wo keine physische Zeugung erfolgt", was eben die „wesentlich geistliche Dimension" der Mutterschaft darstellt.

Diese zwei Logischen Interpretanten bestimmen die Rolle der Frau in der Gesellschaft (die Frau kann als „ein bevorzugtes Zeichen für diese Werte" betrachtet werden), sie prägen also die in dem Schreiben enthaltene gesellschaftliche Projektion:

 

In dieser Perspektive wird die unersetzliche Rolle der Frau in allen Bereichen des familiären und gesellschaftlichen Lebens verständlich, bei denen es um die menschlichen Beziehungen und die Sorge um den anderen geht. Hier zeigt sich deutlich, was der Heilige Vater den Genius der Frau genannt hat. Dies beinhaltet vor allem, dass die Frauen aktiv und auch fest in der Familie, »der anfänglichen und in gewissem Sinn "souveränen" Gesellschaft«, gegenwärtig sein sollen. Besonders hier wird nämlich das Antlitz eines Volkes geformt, hier eignen sich seine Glieder die grundlegenden Kenntnisse an. […] Dies beinhaltet darüber hinaus, dass die Frauen in der Welt der Arbeit und des gesellschaftlichen Lebens gegenwärtig sein und zu verantwortungsvollen Stellen Zugang haben sollen, die ihnen die Möglichkeit bieten, die Politik der Völker zu inspirieren und neue Lösungen für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme anzuregen.

 

Die zwei Logischen Interpretanten machen zwar die Frauen auch in der Welt der Arbeit und des gesellschaftlichen Lebens zu gegenwärtigen, jedoch – abgesehen davon, dass ihre Aufgabe dabei viel mehr die zu sein scheint, die Politik zu inspirieren und neue Lösungen anzuregen, als die, konkrete Macht auszuüben, konkrete Entscheidungen autonom zu treffen (12) – sollen die Frauen vor allem aktiv und auch fest in der Familie gegenwärtig sein. Dies ist von primärer Bedeutung, dies stellt immerhin die Hauptaufgabe und die Hauptrolle der Frau dar. Und deswegen wird das Problem der Beziehung zwischen den zwei Sphären – Familie und Arbeit – folgendermaßen dargestellt:

 

Man darf aber in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass die Überschneidung von zwei Tätigkeiten — Familie und Arbeit — bei der Frau andere Merkmale annimmt als beim Mann. Deshalb stellt sich die Aufgabe, die Gesetzgebung und die Organisation der Arbeit mit den Anforderungen der Sendung der Frau innerhalb der Familie zu harmonisieren. Hier geht es nicht nur um eine rechtliche, wirtschaftliche und organisatorische Frage, sondern vor allem um eine Frage der Mentalität, der Kultur und der Achtung. Erforderlich ist eine gerechte Wertschätzung der Arbeit, welche die Frau in der Familie leistet. So könnten die Frauen, die es freiwillig wünschen, ihre ganze Zeit der häuslichen Arbeit widmen, ohne sozial gebrandmarkt und wirtschaftlich bestraft zu werden. Jene hingegen, die auch andere Tätigkeiten verrichten möchten, könnten dies in einem angepassten Arbeitsrhythmus tun, ohne vor die Alternative gestellt zu werden, ihr Familienleben aufzugeben oder einer ständigen Stresssituation ausgesetzt zu sein, die weder dem persönlichen Gleichgewicht noch der Harmonie in der Familie förderlich ist.

 

Diese Einstellung scheint weniger konservativ (13) zu sein, es wird anerkannt, dass die Arbeit der Frauen in der Familie eine gerechte Wertschätzung verdient (es wird aber nicht von einer ökonomischen Schätzung gesprochen), dass die Frauen das Recht haben, auch andere Tätigkeiten zu verrichten. Doch bleiben die Anforderungen der Sendung der Frau innerhalb der Familie primär und entscheidend, und zwar weil eben die zwei Logischen Interpretanten („sich für das Wohl des anderen setzen" und „Mutterschaft auf der geistlichen Dimension") die Frauen vor allem innerhalb der Familie als gegenwärtig bestimmen. Darum ist es besonders wichtig, dass die Frauen ihr Familienleben nicht aufgeben, oder dass sie einer ständigen Stresssituation nicht ausgesetzt sind.

 

Die vom Schreiben vorgeschlagenen Schlußfolgerungen lassen sich folgendermaßen resümieren:

 

Die Förderung der Frau innerhalb der Gesellschaft muss als eine Vermenschlichung verstanden werden und gewollt, welche durch die dank der Frauen neu entdeckten Werte Wirklichkeit wird. Deswegen wollen die im Schreiben enthaltenen Anmerkungen – unbeschadet der Bemühungen zur Förderung der Rechte, welche die Frauen in der Gesellschaft und in der Familie anstreben – jene Perspektive korrigieren, in der die Männer als Feinde betrachtet werden, die zu besiegen wären. Diese Perspektive ist nur Illusion und Gefahr, die in Situationen der Abkapselung und der Rivalität zwischen Männern und Frauen enden und eine Ichbezogenheit fördern, die von einem falschen Freiheitsverständnis genährt wird. Die sozialpolitischen Maßnahmen müssen auf der einen Seite jegliche ungerechte geschlechtliche Diskriminierung bekämpfen und auf der anderen Seite die Bestrebungen und Bedürfnisse eines jeden wahrzunehmen und zu erkennen wissen. Die Verteidigung und die Förderung der gleichen Würde müssen mit der sorgsamen Anerkennung der gegenseitigen Verschiedenheit harmonisiert werden.

Man muss das Zeugnis annehmen, das vom Leben der Frauen ausgeht und Werte offenbart, ohne die sich die Menschheit in Selbstgenügsamkeit, in Machtträumen und im Drama der Gewalt einsperren würde. Auch die Frau muss sich bekehren lassen und die einzigartigen, in der Liebe zum anderen so wirksamen Werte anerkennen, deren Trägerin sie als Frau ist.

 

Die zwei Logischen Interpretanten bestimmen also, dass die Rolle der Frau innerhalb der Gesellschaft zu einer Vermenschlichung der Gesellschaft führen muss; außerdem gibt es „ungerechte geschlechtliche Diskriminierung", was bedeutet, dass es gerechte geschlechtliche Diskriminierung gibt, eben die natürliche Verschiedenheit zwischen Mann und Frau: diese natürliche Verschiedenheit steht in Opposition zu der durch die Erbsünde geprägten Unterordnung der Frau. Schließlich wird der Frau die Intuition von Werten anerkannt, d.h. es wird ihr der Emotionale Interpretant von Mutterschaft/Liebe zum anderen anerkannt. Das ist aber auch alles: was den Dynamischen/Energetischen Interpretanten, d.h. was die nicht-intuitive Anerkennung dieser Werte betrifft, so muss sie sich „bekehren lassen". Diese Negation des autonomen Denkens der Frau, die die semiotische Analyse glasklar ans Licht bringt, ist tatsächlich die fundamentale (und sehr gravierende) im Schreiben enthaltene Einstellung.

 

In diesem Schreiben geht es nicht um eine Arbeitshypothese, die entwickelt und verifiziert wird, und auch nicht um eine induktive Betrachtung von Fällen/Resultaten, die zu einer Regel führt. Es geht um ein streng deduktives Räsonieren, das von Prämissen abhängt, die vorhergehen und außerhalb des Interpretationsprozesses liegen. Die Frauenfrage bzw. die zwei neuen Tendenzen, Ausgangspunkt des Schreibens, werden – als Zeichen/Resultat – nicht auf Grundlage von einer Hypothese, sondern im Lichte einer vorhergehenden festen Regel von vornherein interpretiert bzw. abgelehnt. Dies führt zur Verschleierung und zur Verfälschung von entscheidenden Aspekten der Realität. Darauf habe ich bereits hingewiesen: die ideologische Deduktion verliert die Beziehung zum Dynamischen Objekt, zur Wirklichkeit.

1953 schrieb Alberto Moravia einen Aufsatz über das Thema: „Der Kommunismus an der Macht und die Probleme der Kunst" (jetzt in: A. Moravia, L'uomo come fine Bompiani, Milano 1963, S. 159-186; es liegt keine deutsche Übersetzung vor). Dort behauptet er (S. 163): „Der Sozialistische Realismus ist realistisch, was alles betrifft, nur nicht, was den Sozialismus betrifft. Und da der Sozialismus in bestimmten Ländern alles ist, ist der Sozialistische Realismus gar nicht realistisch". „Für die Kommunisten – setzt Moravia fort (S. 166) – ist die Ideologie Wirklichkeit, und das, was die Leute ‚Wirklichkeit’ nennen, spielt für sie keine Rolle. Wenn die Wirklichkeit der Ideologie nicht recht gibt, dann umso schlimmer für die Wirklichkeit". Der Punkt ist, meint er (S. 173), dass „der Marxismus in Russland und auf der ganzen Welt dauerhafte, anhaltende religiöse Züge angenommen hat." Dies ist wirklich der Punkt.

Der religiöse Diskurs ist tatsächlich paradigmatisch, und zwar im Schreiben und in weiteren Dokumenten des Papstes, bei den Thesen von islamischen Fundamentalisten sowie von George W. Bush, und auch bei einigen Ideologien, die laizistisch sind oder es behaupten zu sein. Das „vizio segreto", sagt Moravia, etwa: das geheime Laster, ist dabei immer die bewußte oder unbewußte Verdunkelung der Realität, semiotisch gesagt: die Verdunkelung der unterschiedlichen, vielfältigen Möglichkeiten, das Dynamische Objekt kraft der Zeichen zu repräsentieren und zu interpretieren. Dies ist die Folge einer gefährlichen Wahnidee, wie Paul Watzlawick [1976: 9] sagt, der zufolge „die eigene Sicht der Wirklichkeit die Wirklichkeit schlechthin bedeute". Diese Idee, bemerkt Watzlawick weiter, „wird dann aber noch gefährlicher, wenn sie sich mit der messianischen Berufung verbindet, die Welt dementsprechend aufklären und ordnen zu müssen – gleichzeitig, ob die Welt diese Ordnung wünscht oder nicht". Diese messianische Berufung bekräftigt, sozusagen rundet die Verdunkelung der Realität ab. Es kann also nicht wundern, dass gerade die Frauenfrage, als sehr komplexes Dynamisches Objekt, im Schreiben vollkommen verdunkelt oder ganz deutlich verfälscht wird.

Ich möchte hier nur ein Beispiel liefern (die folgenden Bemerkungen stammen aus  meinem Aufsatz "Die Regel und das Resultat. Beitrag zu einer Semiotik des Tabus und der Tabuverletzung").

Der 1906 erschienene Roman Una donna (Eine Frau) (14) von Sibilla Aleramo (Pseudonym für Rina Faccio, 1876 geboren, 1960 gestorben) stellt den Ausgangspunkt der Frauenliteratur in Italien dar. Der (autobiografische) Roman erzählt von einer Frau, die dazu gezwungen ist, ihren Sohn zu verlassen (d.h. auf das Sorgerecht zu verzichten), weil sie gegen den Willen ihres Mannes als Journalistin und Publizistin arbeiten will. Eine Passage verdient zitiert zu werden, die Ich-Erzählerin sagt:

 

Warum bewundern wir an der Mutterschaft die Aufopferung? Woher kommt dieser unmenschliche Gedanke des mütterlichen Opfers? Seit Jahrhunderten setzt sich diese Knechtschaft von der Mutter zur Tochter in einer ungeheuerlichen Kette fort. [...] Unsere Kinder müßten uns für das, was wir sind, dankbar sein, für den Willen, ihnen ein würdiges und schönes Leben zu geben, und nicht, weil wir darauf verzichten, wir selbst zu sein, nachdem wir sie blind in die Welt gesetzt haben.

 

 

Jede Mutter, die ihr Kind liebt, opfert sich auf.     (Regel)

Diese Mutter liebt ihr Kind.                                      (Fall)

Diese Mutter opfert sich auf.                                   (Resultat)

 

 

 

Dieser Syllogismus liegt der jedenfalls damals herkömmlichen Vorstellung der Mutterliebe zugrunde. Der Roman von Sibilla Aleramo zeichnet sich durch den Versuch ab, andere Perspektivierungen der Mutter als Zeichen herauszufinden und folglich andere Regeln, Finale Interpretanten, Wertzuordnungen durchzusetzen. Muß Mutterschaft wirklich immer mit Aufopferung einhergehen? Man könnte sich auch einen anderen Syllogismus vorstellen:

 

 

Jede Mutter, die ihr Kind liebt, verzichtet nicht darauf, eine Frau zu sein (Regel)

Diese Mutter liebt ihr Kind                                                                                (Fall)

Diese Mutter verzichtet nicht darauf, eine Frau zu sein.                              (Resultat)

 

 

Eben dieser andere Syllogismus stellt die Botschaft, die progressive gesellschaftliche Projektion dar, die der Roman enthält, dessen Titel nicht zufällig Eine Frau lautet.

 

Geht es hierbei vielleicht darum, dass diese Frau, um wirklich Frau zu sein, zum Gegner des Mannes wird? Dass sie auf die Missbräuche der Macht mit einer Strategie des Strebens nach Macht antwortet? Geht es hierbei um Abkapselung und Rivalität zwischen Mann und Frau, um Ichbezogenheit, um falsches Freiheitsverständnis? Verzichtet vielleicht diese Frau auf den Wert Mutterschaft, d.h. darauf, sich für das Wohl des anderen einsetzen? Das Schreiben des Papsts gibt zu, dass die Frauen das Recht haben, auch andere Tätigkeiten außerhalb der Familie zu verrichten. Doch wird dies von der Kirche heute anerkannt.

1880 betrachtete der Papst Leo XIII in seiner Enzyklika Arcanum die Ehe als „Disziplin" der Frau, als Institution, die die Degradierung der Frau vorbeuge; in der Enzyklika Rerum Novarum (1891) behauptete er, die Natur habe die Frauen für die häusliche Arbeit gemacht, für die Erziehung der Kinder und das Wohl des Hauses, die die Ehrlichkeit und Sittsamkeit des schwachen Geschlechts schützen; gleichzeitig bekräftigte er das Grundprinzip der väterlichen Gewalt. 1930, ein Jahr nach den Lateranverträgen zwischen der faschistischen Regierung und dem Heiligen Stuhl, behauptete Pius XI in der Enzyklika Casti Connubii, dass die außer der Familie geleistete Arbeit der Frau die Verderbnis des weiblichen Wesens und der Würde der Mütter, die Perversion der ganzen Familie verursachen würde; 1931 in der Enzyklika Quadragesimo Anno behauptete er, dass die Mütter ihre Tätigkeit innerhalb des Hauses oder in der Nähe des Hauses (es wird genauso gesagt: „nelle vicinanze della casa"!) leisten müssen, und dass die außer des Hauses geleistete Arbeit eine „Unordentlichkeit" sei. Ohne diese fortdauernde ideologische Positionierung der Kirche gegen jede Frau, die nicht vor allem Ehefrau und Mutter ist, hätte der Faschismus den Zweck nicht verfolgen können, die Frauen ins Haus zu zwingen (15). In dem Rocco Gesetzbuch, das 1930 in Kraft trat, wurde deutlich bestimmt, dass der Ehebruch nur dann strafbar ist, wenn er von der Frau begangen wird, weil die Untreue der Frau gravierender ist als die des Mannes. Gegen diese Doppelmoral, die gerade im Lichte der Botschaft von Jesus vollkommen unakzeptabel ist, hat die Kirche niemals protestiert. Nach dem zweiten Weltkrieg unterstützte die Kirche die reaktionärsten Strömungen der Democrazia Cristiana bei einer echten Jagd auf die Frauenemanzipation. Grotesk war das, was Pius XII am 8. Januar 1956 sagte, und zwar dass die Kirche die schmerzlose Entbindung ablehne, weil in den Heiligen Schriften geschrieben stehe, die Frau werde mit Schmerzen Kinder zur Welt bringen; deswegen, meinte der Papst, habe die schmerzlose Entbindung die Gleichgültigkeit der Mutter gegenüber dem Kind als Folge.

Über die Verantwortung der Kirche bei den Missbräuchen der Macht, bei der ungerechten geschlechtlichen Diskriminierung wird im Schreiben kein Wort gesagt. Man könnte sagen: Die Zeiten ändern sich, und zwar auch für die Kirche. Doch ist gerade dies der Punkt: Wer läßt die Zeiten ändern? Zum Beispiel fingen die Frauen in der Bundesrepublik sofort nach dem Ende des zweiten Weltkrieges an, politisch tätig zu werden, als sie sich gegen den Krieg und gegen die Atombombe einsetzten. 1949 forderte die Juristin Elisabeth Selbert, die Gleichberechtigung von Männern und Frauen anzuerkennen. Der Satz Männer und Frauen sind gleichberechtigt ging aber erst nach Diskussionen als Artikel 3 in das Grundgesetz ein. Es wäre sehr interessant, die Thesen der Abgeordneten, die dagegen waren, semiotisch zu analysieren, eben um die Mentalität von vielen Politikern damals ans Licht zu bringen. Der Bundeskanzler Konrad Adenauer konnte über die Frau nur behaupten: „Die Mutter ist das Herz der Familie, und das Herz muß in der Familie schlagen und seinen Blutstrom vor allem innerhalb der Familienrahmen spenden". Heute hingegen behaupten CDU-, sogar CSU-Mitglieder, ein Zeichen für die deutsche Leitkultur sei die Gleichberechtigung der Frau, und dass die Mutter das Recht darauf habe, nicht nur innerhalb der Familienrahmen ihren Blutstrom zu spenden. Sie nutzen also gegen fremde Kulturen gerade das aus, was sie historisch selbst immer herbeigeführt haben: die Unterdrückung der Frau. Aber die Zeiten ändern sich, d.h. die Mentalität ändert sich, so wird behauptet. Doch wie geschieht dies?

Im Roman Les Faux-Monnayeurs (1926) von André Gide gibt es eine Figur, Sarah, die le nouveau combat du féminisme darstellt (16). Betrachten wir die folgende Passage:

 

Sarah setzte sich auf einen kleinen, niedrigen Stuhl und dachte nach, während sie wartete. Aus Protest hatte sie sich vorsorglich angewöhnt, alle häuslichen Tugenden mit Geringschätzung zu behandeln. Der Zwang des Elternhauses hatte ihre Willenskraft gesteigert, ihr instinktives Aufbegehren verstärkt. Aus England zurückgekehrt, glühte sie nun danach, sich ihren Mut zu beweisen. Sie war entschlossen, sich ihre Freiheit zu erobern, alle Fesseln zu sprengen, alles zu wagen; genau wie Miss Aberdeen, die junge englische Pensionärin. Schimpf und Schande waren ihr gleichgültig, sie fühlte sich stark genug, alle herauszufordern. Als sie Olivier Avancen machte, hatte sie ihre natürliche Zurückhaltung besiegt und ihre mädchenhafte Scham. Das Beispiel ihrer beiden Schwestern war ihr eine Lehre; Rachels fromme Ergebenheit war in ihren Augen Selbstbetrug; und daß Lauras Verheiratung ein Kuhhandel war, der zur Versklavung führte, davon war sie nicht abzubringen. Die Bildung, die man ihr mitgegeben baue, die sie erworben, sich selbst angeeignet hatte, war, so dachte sie, eine schlechte Vorbereitung auf das, was man ehelichen Gehorsam nennt. Sie sah keinen Grund, warum jemand, den sie heiratete, ihr überlegen sein sollte. Hatte sie nicht genau wie ein Mann ihre Prüfungen abgelegt? Hatte sie nicht zu allen Fragen ihre eigene Meinung, eigene Ideen? Nicht zuletzt über die Gleichheit von Mann und Frau: Es schien ihr, als bewiese die Frau in der Lebensführung und damit auch in geschäftlichen Dingen, wenn nötig auch in der Politik, mehr gesunden Verstand als manch ein Mann... (A. Gide, Gesammelte Werke, 9: Erzählende Werke, 3: Die Falschmünzer, Dt. Verl.-Anst., Stuttgart 1993, S. 274-275)

 

Diese Passage bietet ein gutes Beispiel für die Bildung von einem Logischen Interpretanten, der auf Emotionalen und Dynamischen Interpretanten beruht. Der durch den Zwang des Elternhauses (d.h. der Familie) entstandene Protest gegen alle häuslichen Tugenden ist am Anfang instinktiv (Emotionaler Interpretant); die Bildung und die Erfahrung in England, insbesondere das Verhalten der englischen Freundin, rufen den Dynamischen Interpretanten hervor, was kein Zufall ist, weil der Feminismus bis 1914 in Frankreich marginal bleibt: erst nach dem Krieg entsteht die Frauenbewegung (vgl. Goulet, zit., S. 263, Fußnote 61); von daher die Rolle der englischen Freundin: von England „que va venir l'emancipation des femmes" (Goulet, S. 262, Fußnote 60). Die fromme Ergebenheit einer ihrer Schwester steht jetzt für Selbstbetrug; die Verheiratung der zweiten Schwestern steht für einen Kuhhandel, der zur Versklavung führt (Dynamische Interpretanten). Folglich der Logische Interpretant: Ablehnung des ehelichen Gehorsam, eigene Ideen nicht zuletzt über die Gleichheit von Mann und Frau. Der Logische Interpretant impliziert immer die Tendenz zum Handeln, d.h.: er verwirklicht sich in Handlungen. In unserer Passage werden Sarahs Avancen dem jungen Olivier gegenüber erwähnt, darüber hinaus trägt sie Kleider, die Hals und Arme nackt lassen (17), sie setzt sich auf das Knie eines gerade kennengelernten Mannes, sie verbringt eine Liebesnacht mit dem jungen Bernard.

 

Wir sehen also, wie die Mentalität der englischen Freundin weitere Mentalität schafft; wir können nicht von gesellschaftlicher Projektion sprechen, weil der Logische Interpretant von Sarah immerhin privat bleibt; doch spielt Gide mit dem Hinweis darauf, dass die Frau in der Lebensführung und damit auch in geschäftlichen Dingen, wenn nötig auch in der Politik, mehr gesunden Verstand als manch ein Mann aufzeigen kann, gerade auf die progressive, utopische doch infrahistorische, nicht außerhistorische gesellschaftliche Projektion der französischen Frauenbewegung nach dem ersten Weltkrieg an.

Heute sind (oder sollten sein) die Ideen (der Logische Interpretant) von Sarah und von der Frauenbewegung zumindest zum guten Teil und im allgemeinen akzeptiert, d.h. sie gelten als Finaler Interpretant unserer Kultur, wenn sogar der Papst zugibt, dass die Frauen das Recht haben auch außerhalb der Familie gegenwärtig zu sein. Doch darf man nicht vergessen, dass, wenn diese Ideen sich heute durchgesetzt zu haben scheinen, dann dies in erster Linie dank Frauen wie Sarah geschehen ist, die ihre natürliche, doch vor allem kulturell bedingte Zurückhaltung und ihre mädchenhafte Scham besiegt haben, die die Finalen Interpretanten der damaligen Kultur in die Krise geführt haben und deswegen „Schimpf und Schande" begegnet sind, die eine infrahistorische Utopie, eine progressive gesellschaftliche Projektion bezweckt haben. Diese Frauen haben es verursacht, dass die Zeiten sich gewandelt haben.

Die oben erwähnten Enzykliken und Fakten zeigen uns, dass die Kirche damals gegen diese Frauen war, nicht nur gegen ‚Extremistinnen’ wie Sarah, sondern auch gegen Frauen, die die ungerechte geschlechtliche Diskriminierung ganz maßvoll bekämpften, Diskriminierung wie z.B. die Art und Weise, die Vergewaltigung zu betrachten. Lange Zeit ist die Vergewaltigung das einzige Verbrechen gewesen, bei dem die Haltung des Opfers (ist sie eine anständige Frau?, hat sie provoziert?, wie war sie bekleidet? usw.) als mildernde Umstände für den Täter betrachtet wurde. Gegen solche beleidigende und ungerechte Diskriminierung hat die Kirche niemals protestiert.

Der im Schreiben enthaltene Diskurs verschleiert wesentliche Perspektivierungen des Zeichens Frauenfrage und verdunkelt die feindliche Rolle, die die Kirche gegen die Frauenemanzipation immer gespielt hat. Dafür eignet er sich – wenn auch mit Vorsicht – die Forderung der Frau innerhalb der Gesellschaft, den Kampf gegen ungerechte geschlechtliche Diskriminierung an, d.h.: er eignet sich die Forderung jener Frauen an, die die Kirche immer bekämpft hat. Darum geht es bei diesem Schreiben um eine außerhistorische, konservative gesellschaftliche Projektion, die zwar auf die Mißbräuche der Macht, auf die ungerechte geschlechtliche Diskriminierung, auf die Forderung der Frau anspielt, doch in Wirklichkeit darauf abzielt, dass die Gegenwart und die Zukunft so weit wie möglich der Vergangenheit gleichen, und dass die Frauen ganz bestimmte historische und ideologische Einstellungen als natürliche und übernatürliche Werte und als eigene Intuitionen akzeptieren (bzw. wiederakzeptieren).

Die folgende Bemerkung von Rossi-Landi (Rossi-Landi [1973: 114], ich habe die fehlerhafte Übersetzung modifiziert) scheint mir, den besten Kommentar zu dem Schreiben zu bieten:

 

In Begriffen der Informationstheorie könnte man sagen, dass die herrschende Klasse die Redundanz der Nachrichten, die ihre Position stärken, erhöht und als Geräusch oder – wenn es nötig ist – als echte Störung jene Kodifizierung und Zirkulation von Nachrichten betrachtet, die ihre Position schwächen könnten. (18)

 

Das Schreiben stellt tatsächlich eine redundante Botschaft dar, die die Position der Kirche stärken und alternative Tendenzen beseitigen will, indem sie solche Tendenzen als Geräusch betrachtet. Dies selbstverständlich mittels der Sprache, d.h. (mit Begriffen von Rossi-Landi) mittels einer Art von sprachlicher Ausbeutung, mittels einer Bekräftigung des sprachlichen Privateigentums der Kirche. Rossi-Landi [1973: 111] schreibt:

 

Die sprachliche Ausbeutung gibt es durch den Besitz (die Herrschaft oder Kontrolle) der Formen der Nachrichtenenkodifizierung, der Nachrichtenkanäle, der Möglichkeiten der Dekodifizierung und der Interpretation erhaltener Nachrichten.

 

Eben auf eine Bekräftigung dieser Ausbeutung zielt das Schreiben ab. So dass die Frau sich in einer Situation wieder befinden sollte, in der die sprachlichen Produktions- und Zirkulationsprozesse ihr fremd geworden sind, sie werden von außen kontrolliert, sie dienen nicht mehr dazu, ihre Persönlichkeit als Mensch auszudrücken, sondern der Reproduktion eines ideologischen Systems. Sie darf Exemplare nur von diesem ideologischen Modell herstellen, andere Modelle sind ihr verboten (19).

 

 

 

 

(1) Karl-Heinz Hillmann, Wörterbuch der Soziologie, Kröner, Stuttgart 1994, S. 925.

 

(2)  Die elementare Zeichendefinition lautet: Ein Zeichen ist etwas, das für etwas anderes steht. Dieser Prozeß – „etwas steht für etwas anderes" – heißt Semiose, aus dem Griechischen: F0:,\TF4H. E0:,\TF4H bedeutete „Inferenz aus einem Zeichen" (Inferenz, d.h. Hypothese, Deduktion, Induktion) und „Wirkung des Zeichens". Die Semiose ist also das Phänomen, dem zufolge etwas – in den Erkenntnisprozessen und in den kommunikativen Prozessen – als Zeichen erkannt wird, durch Inferenzen interpretiert wird und eine Wirkung ausübt. Die Semiotik setzt die Semiose voraus: „Die Semiose ist ein Phänomen, die Semiotik ist ein theoretischer Diskurs über semiosische Phänomene", so Umberto Eco (I limiti dell'interpretazione. Bompiani, Milano 1990. Dt.: Die Grenzen der Interpretation. Hanser, München Wien 1992, S. 284). Gegenstand der Semiotik ist darum nicht etwa die Sprache oder die Literatur, die visuelle Kommunikation, die Geschichte, sondern die Sprache, die Literatur, die visuelle Kommunikation, die Geschichte aus der Perspektive der Semiose und also als semiosische Systeme betrachtet.

 

(3) Ferruccio Rossi-Landi wurde in Mailand 1921 geboren. Nach zwei Promotionen (in Literatur und in Philosophie) beschäftigte er sich in Oxford mit der analytischen Philosophie. 1953 wurde er Privatdozent in Philosophie, lehrte einige Jahre an der Universität Padua. Dann war er als visiting professor an den Universitäten Ann Arbor (Michigan), Austin (Texas), Avana und Santiago (Cuba) tätig. 1975 wurde er zum Professor für Philosophie der Geschichte an der Universität Lecce und 1977 zum Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Triest berufen. 1985 starb er in Triest. „Von Anfang an waren meine beiden Hauptinteressen Sprache und Ideologie. Meine Lektüre bestand so in der Hauptsache aus Texten zur Sprache und Texten zur Ideologie. Einerseits die von Peirce begründete amerikanische Semiotik, die sogenannten ‚analytischen’ oder ‚linguistischen’ Philosophen der Schule von Wittgenstein und Moore, und Texte der allgemeinen Sprachwissenschaft; andererseits die Begründer des Historischen Materialismus und verschiedene Marxisten unseres Jahrhunderts, vor allem deutsche und französische. Lektüre in Psychiatrie und Psychoanalyse hat ein wenig zwischen den beiden Interessen vermittelt: die Psychoanalyse hat sich konstituiert als Untersuchung der entfremdeten Sprache […]" (Rossi-Landi [1973: 14-15]).

 

(4) Der italienische Ausdruck lautet: `progettazione socialeA; in [1976: 156] (deutsche Übersetzung von Rossi-Landi [1972]) wird dieser Ausdruck mit `gesellschaftliche PlanungA übersetzt; in Rossi-Landi [1973: 13] (Übersetzung von zwei Kapiteln aus Rossi-Landi [1972]) wird er mit `gesellschaftliche ProjektionA übersetzt. Im folgenden wird es klar sein, warum ich die Übersetzung „gesellschaftliche Projektion" vorziehe.

 

(5) Es ist interessant, eine Analogie zwischen diesem Logischen Interpretanten (dieser progressiven gesellschaftlichen Projektion) und dem Begriff transduction von Henri Lefebvre – „einem der Hauptrepräsentanten materialistischer Alltagstheorien" (Heinz Sünker, Transduction. Vom Wirklichen zum Möglichen oder: Kritik des Alltagslebens und Utopie, Manuskript; 2004; ich danke Heinz Sünker für die freundliche Genehmigung, seinen Text hier zu zitieren) – festzustellen. Transduction meint ein Fortschreiten von der Realität (dem Gegebenen) zum Möglichen, wobei die Utopie (im Gegensatz zum Utopismus) als eine Methode der Erkundung des Möglichen verstanden wird. Es geht also um „eine kritische Gesellschaftstheorie", d.h. um ein System von Logischen Interpretanten (das ist eben eine Gesellschaftstheorie), innerhalb dessen „eine zentrale Frage sich mit der Vermittlung von Wirklichkeit und Möglichkeit im Sinne der Realisierung einer emanzipatorischen Utopie beschäftigt" (Sünker, ivi).

 

(6) Schreiben an die Bischöfe der Katholischen Kirche über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt, unter:

http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfait-doc-20040731_collaborationge.html

 

(7) Dies könnte auch von der Übersetzung abhängen; jedenfalls ist der italienische Text identisch und also genauso unpräzis.

 

(8) Kann man nicht die Hypothese aufstellen, dass der Sohn Gottes die menschliche Natur als Mann und nicht als Frau aus historischen und pragmatischen Gründen angenommen hat? Was hätte eine Frau in der damaligen von Männern dominierten Gesellschaft anfangen können? Ist die Botschaft von Jesus nicht viel, viel wichtiger als sein Geschlecht? Im Evangelium gibt es keine einzige Stelle, in der Jesus behauptet, die Frauen müssen ihren Männern untertan sein. Dies wurde von Paulus (Epheser 5, 22-24) behauptet, nicht von Jesus. Was dann Paulus anbelangt, hat die Theologin Magdalena Bußmann bemerkt („Tageszeitung", 4. August 2004, S. 7), dass der „Epheserbrief" gar nicht von Paulus ist, er ist ein „unechter Paulusbrief"; in Wahrheit – bemerkt Bußmann weiter – kommen bei Paulus Frauen als Gemeindeleiterinnen, Bischöfinnen oder Diakoninnen vor. Die Frauen sind also „gleichermaßen am Aufbau der jungen Kirche beteiligt […] wie die Männer. Kein Wort davon findet man beim Vatikan", d.h. kein Wort in dem der Aktualität der fraulichen Werte im Leben der Kirche gewidmeten Paragraph des Schreibens.

 

(9) Zutreffend hat die Theologin Magdalena Bußmann gesagt („Tageszeitung", 4. August 2004, S. 7): „Die Kirche hat gemerkt, dass sie keine Macht mehr über die Frauen hat. Es gibt immer mehr kirchenrechtlich verbotene Priesterinnen-Weihen, es gibt die Abspaltung der Schwangerenberatungen von Donum vitae. Es bildet sich quasi eine weibliche Parallelkirche. Da wollte Herr Ratzinger einen Pflock einschlagen. Aber so was kann man Menschen von heute nicht mehr zumuten. Das Papier wäre besser nie geschrieben worden. Ich kann nach der Lektüre nur sagen: Zum Glück interessiert Frauen ohnehin nicht mehr, was die Amtskirche da produziert."

 

(10) Der Bezug auf Maria ist selbstverständlich in hohem Maße vorhanden: „In dieser Hinsicht ist Maria in der Kirche der grundlegende Bezugspunkt. Man könnte mit einer Metapher sagen, dass Maria der Kirche den Spiegel reicht, in dem sie ihre eigene Identität erkennen soll, aber auch die Einstellungen des Herzens, die Haltungen und die Taten, die Gott von ihr erwartet. Marias Dasein ist für die Kirche eine Einladung, ihr Sein im Hören und Aufnehmen des Wortes Gottes zu verankern. […] Von Maria lernt die Kirche die Bedeutung der Macht der Liebe, wie Gott sie im Leben seines vielgeliebten Sohnes zeigt und offenbart […]. Der Gekreuzigte, der den Apostel Johannes seiner Mutter anvertraut, lädt seine Kirche ein, von Maria das Geheimnis jener Liebe zu lernen, die triumphiert. Der Hinweis auf Maria und ihre Haltungen des Hörens, des Aufnehmens, der Demut, der Treue, des Lobpreises und der Erwartung verleiht der Kirche in keiner Weise eine Identität, die in einem zufälligen Modell der Weiblichkeit gründet, sondern stellt sie in die Kontinuität mit der geistlichen Geschichte Israels. In Jesus und durch Jesus werden diese Haltungen zur Berufung eines jeden Getauften. […] Auch wenn es sich dabei um Einstellungen handelt, die jeden Getauften prägen sollten, zeichnet sich die Frau dadurch aus, dass sie diese Haltungen mit besonderer Intensität und Natürlichkeit lebt. […] In besonderer Weise muss man die Jungfrau Maria anrufen, die Frau nach dem Herzen Gottes, »gesegnet mehr als alle anderen Frauen« […] und dazu auserwählt, den Menschen, Männern und Frauen, den Weg der Liebe zu offenbaren".

 

(11)  „Es existiert fast immer ein Gefühl, was wir schließlich als Beleg dafür interpretieren, dass wir die eigentliche Wirkung des Zeichens verstanden haben, obgleich die Wahrheit darin häufig sehr schwach fundiert ist. Dieser ‚emotionale Interpretant’, wie ich ihn nenne, kann viel mehr sein als dies Gefühl des Wiedererkennens, und in eigenen Fällen ist er der einzige eigentliche bedeutsame Effekt, den das Zeichen hervorruft. So ist die Aufführung eines Konzerts ein Zeichen. Es vermittelt, was zu vermitteln es intendiert ist: die musikalischen Ideen des Komponisten; doch bestehen diese normalerweise lediglich in einer Folge von Gefühlen." (Peirce [1993: 282-283], CP: 5.475)

 

(12) „[…] bedeutet ‚Zugang [zu verantwortungsvollen Stellen]’, dass Frauen die Politik ‚inspirieren’ dürfen und Lösungen ‚anregen’. Es bedeutet nicht, dass sie auf diesen Positionen sitzen und Macht haben." (Magdalena Bußmann in „Tageszeitung", 4. August 2004, S. 7)

 

(13) Zeitungen, die über das Schreiben des Papsts berichtet haben, haben behauptet, der Papst appelliere an die Regierungen, „Bedingungen zu schaffen, die dazu führen, dass Frauen ihre Pflichten in der Familie nicht vernachlässigen müssen, wenn sie einem Job nachgehen". Im Schreiben, so wie es jetzt auf der Homepage www.vatikan.va erscheint, ist von Pflichten der Frau in der Familie keine Rede. Es könnte sein, dass das Schreiben nachträglich modifiziert wurde; das glaube ich aber nicht, wahrscheinlich geht es viel mehr um die journalistische Gewohnheit, Zitate weiter zu zitieren, ohne sie nachzuprüfen.

 

(14) Deutsche Übersetzung: Sibilla Aleramo, Una donna. Geschichte einer Frau, Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 1977.

 

(15) Vgl. dazu Maria Antonietta Macciocchi, La donna "nera". "Consenso" femminile e fascismo [Die "schwarze" Frau. Weibliche "Zustimmung" und Faschismus], Feltrinelli, Milano 1976.

 

(16) Alain Goulet Fiction et vie sociale dans l'œuvre d'André Gide, Lettres Modernes, Paris 1985, S. 262. Goulet bemerkt (S. 262, Fußnote 60), dass der Name Sarah auf Sarah Monod anspielt, Präsidentin du Conseil national des femmes françaises de 1901 à 1912".

 

(17) Dieses Verhalten ist ein trait d'impudeur à une époque où la jeune fille devait cacher soigneusement bras et cou" (Goulet, zit., S. 285).

 

(18) Die Übersetzung lautet: „In Begriffen der Informationstheorie könnte man sagen, dass die herrschende Klasse die Redundanz der Nachrichten, die ihre Position stärken, erhöht und gegen die die Kodifizierung und Zirkulation von Nachrichten, die ihre Position schwächen könnten, vorgeht oder sie, wenn nötig, empfindlich stört". „Gegen die Kodifizierung und Zirkulation von Nachrichten [...] vorgeht oder sie [...] empfindlich stört" ist falsch. Rossi-Landi sagt: „[la classe dominante] investe di rumore o se necessario di vero e proprio disturbo", „investire" bedeutet in diesem Fall etwa „bekleiden", d.h. „bekleidet mit Geräusch", besser würde ich sagen „betrachtet als Geräusch". Geräusch ist ein technischer Termin der Informationstheorie (er bezeichnet all das, was einen Informationsverlust verursachen kann), den der Übersetzer nicht verstanden hat.

 

(19) Bei meiner Beschreibung dieser sprachlichen Entfremdung habe ich mich auf die These von Rossi-Landi bezogen. Ein ausgezeichnetes Beispiel von Rossi-Landi  für sprachliche Entfremdung verdient zitiert zu werden (das Beispiel gilt natürlich für die Zeit, in der der sowjetische Kommunismus noch existierte): „In den Vereinigten Staaten müssen alle Modelle von Äußerungen, die einen Bezug zum Kommunismus haben, in ganz bestimmten Formen verwandt werden: mit Entsetzen, Abscheu und Distanzierung. Der Kommunismus wird als eine Art sozialer Lepra betrachtet, der man sich sofort mit aller Kraft entziehen muß. Außerdem wurden andere Modelle von Äußerungen mit der Idee vom Kommunismus als sozialer Lepra verbunden, und zwar so sehr, daß sie automatisch negative Reaktionen – zumindest einen schweren Verdacht – hervorriefen. Ein schwarzer amerikanischer Matrose wurde gefragt, ob er sich nicht exploited fühle. Prompt kam die Reaktion: ‚You communist?’, fragte der Neger; als er eine positive Antwort bekam, drehte er sich um und ging weg. Die bloße Idee der Ausbeutung, auch wenn sie einem wirklich Ausgebeuteten, der sich auch dessen bewußt ist, gegenüber vorgebracht wird, ruft sofort die Vorstellung auf, daß wer Ausbeutung sagt, ein Kommunist ist, dem man besser aus dem Wege geht. Das System hat also die eigene ausgebeutete Klasse belehrt, oder besser hat ihr mentale-verbale Techniken aufgezwungen, durch die die Formen der Rebellion gegen die Ausbeutung sofort zurückgewiesen werden; ja, diese Techniken machen selbst die ersten Schritte der Bewußtwerdung unmöglich. Es handelt sich natürlich um den Gebrauch der Sprache: um die Formen, in denen die Sprache gemeinsam angewandt wird, um Nachrichten zu produzieren und zu interpretieren." Was die Frage des Negers betrifft, so bemerkt Rossi-Landi (ivi) sehr zutreffend in einer Fußnote: „In der Frage des Negers ist das Fehlen des Zeitwortes zu bemerken: das ist ein traditioneller Brauch des weißen Amerikaners, typisch, wenn er eine Rothaut anspricht. Wir haben es hier mit einem amerikanischen Neger zu tun, der eine von Weißen den Rothäuten gegenüber angewandte Redensweise wiederholt, und das macht er, sobald er sich selbst an einen ihm fremden Weißen wendet. Die Konditionierung des Denkens-Sprache ist spürbar bis zu einer Ebene von präziser verbaler Omission." (Rossi-Landi [1973: 112])

 

 

 

 

 

Dinzelbacher, Peter [1993]

„Zu Theorie und Praxis der Mentalitätsgeschichte". In: Peter Dinzelbacher (Hrsg.), Historische Mentalitätsgeschichte, Kröner, Stuttgart 1993, S. XV-XXXVII.

 

Eco, Umberto

[1973/1977]

Il segno. Isedi, Milano 1973. Deutsche Übersetzung: Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977.

 

[1976/1991]

A Theory of Semiotics. Indiana University Press, Bloomington und Macmillan, London 1976. Deutsche Übersetzung: Semiotik. Entwurf einer Theorie der Zeichen. Fink, München, erste Auflage: 1987; zweite, korrigierte Auflage: 1991.

 

[1979/1987]

Lector in fabula. La cooperazione interpretativa nei testi narrativi. Bompiani, Milano 1979. Deutsche Übersetzung: Lector in fabula. Die Mitarbeit der Interpretation in erzählenden Texten. Hanser, München-Wien 1987.

 

[1984/1985]

Semiotica e filosofia del linguaggio. Einaudi, Torino. Englische Version (z.T. abweichend): Semiotics and the Philosophy of Language. The MacMillan Press Ltd., London/Indiana University Press, Bloomington 1984. Deutsche Übersetzung (der englischen Version): Semiotik und Philosophie der Sprache. Fink, München 1985.

 

[1990/1992]

I limiti dell'interpretazione. Bompiani, Milano 1990. Deutsche Übersetzung: Die Grenzen der Interpretation. Hanser, München-Wien 1992.

 

Goulet, Alain

[1985]

Fiction et vie sociale dans l'œuvre d'André Gide. Lettres Modernes, Paris 1985.

 

Lanza, Giovanni

[1998]

"Porrait être continué...". La poetica dell' "opera aperta" e "Les Faux-Monnayeurs" di André Gide. Peter Lang, Frankfurt am Main.

 

Macciocchi, Maria Antonietta

[196]

La donna "nera". "Consenso" femminile e fascismo. Feltrinelli, Milano 1976

 

Peirce, Charles S.

[1931-1958]

Collected Papers of Charles Sanders Peirce. Volumes I-VI, Edited by Charles Hartshorne and Paul Weiss, Harvard University Press, Cambridge, Mass. 1931-1935; Volumes VII-VIII, Edited by Arthur W. Burks, Harvard University Press, Cambridge, Mass. 1958.

 

[1986-1993]

Semiotische Schriften. Herausgegeben und übersetzt von Christian Kloesel und Helmut Pape, Suhrkamp, Frankfurt am Main, Band 1: 1986, Band 2: 1990, Band 3: 1993.

 

Rossi-Landi, Ferruccio

[1968]

Il linguaggio come lavoro e come mercato. Bompiani, Milano 1968. Deutsche Übersetzung: Sprache als Arbeit und als Markt. Hanser, München-Wien 1972.

 

[1972]

Semiotica e ideologia. Bompiani, Milano 1972. Deutsche Übersetzung: Semiotik, Ästhetik und Ideologie. Hanser, München-Wien, 1976.

 

[1973]

Dialektik und Entfremdung in der Sprache. Übersetzung von zwei Kapiteln aus Rossi-Landi [1972], Makol, Frankfurt am Main 1973.

 

Watzlawick, Paul

[1976]

Wie wirklich ist Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen. R. Piper & Co, München 1976.