DIE REGEL UND DAS RESULTAT.

BEITRAG ZU EINER SEMIOTIK DES TABUS

UND DER TABUVERLETZUNG*

 

 

 

"Das Mädchen ging nicht aus Liebe zu ihm, sondern für eine Portion Schlachtabfälle. [...]"

"Eine Hure?!" rief ich entsetzt.

"Ein armes Bauermädchen, lieber Adson. Vielleicht hat sie zu Hause eine Schar kleiner Brüder, die sie ernähren muß. Und wenn sie könnte, würde sie sich aus Liebe hingeben und nicht für Lohn. Wie sie es zum Beispiel vorhin getan hat."

Umberto Eco, Der Name der Rose

 

 


 

Sehr richtig hat Betz [1978: 141] bemerkt::

 

Die ungeklärte Etymologie und Herkunft [des Wortes Tabu], wie auch durch Übersetzung und Weitergabe noch unbestimmtere Bedeutung - von +geheiligt* über +unberührbar*, +unverletzlich* bis zu +verboten* - haben dem Wort bei seiner Verbreitung in Europa eher genützt als geschadet. Aber dazu und zur Attraktion des Exotischen kam doch wohl auch das fördernde Vakuum einer wirklichen Wortschatzlücke. Die Anti-Norm, das Verbot, das durch religiöse Verehrung und Furcht bestimmt war, durch magische Ängste uns abergläubische Hoffnungen, durch gewonnene Erfahrungen und politische Absichten, durch Ersatz verlorener Instinkte durch neue Bindungen - für das alles gab es in der Sprache noch kein einzelnes Wort, kein +eindrückliches Kennzeichen*: Tabu wurde es, und wurde weiter +säkularisiert*, verflacht bis zum nur Peinlichen und Unangenehmen, das schließlich auch tabu war.

Es stellt sich die Frage, ob es möglich ist, diese Problematik von einem semiotischen Gesichtspunkt aus zu präzisieren, und zwar indem man den Tabu- und den Tabuverletzungmechanismus als Zeichenprozeß betrachtet, d.h. als Semiose, als semiosisches Faktum. "Man ist - schreibt Umberto Eco [1990/1992: 284] - dann Zeuge eines semiosischen Vorgangs, wenn: (i) ein bestimmter Gegenstand oder Sachverhalt der Welt (in Peircescher Terminologie das Dynamische Objekt) (ii) durch ein Repräsentamen dargestellt wird und (iii) das Signifikat dieses Repräsentamens (in Peirce' Sprache das Unmittelbare Objekt) in einen Interpretanten, das heißt in ein anderes Repräsentamen übersetzt werden kann."

Inwiefern könnte das Tabu unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden? Die Thematik ist sehr umfangreich und kann hier selbstverständlich nicht ausgeschöpft werden. Der vorliegende Text versteht sich eher als ein erster Beitrag zu den wesentlichen Grundlagen einer Semiotik des Tabus, die ich in Zukunft vertiefen werde.

 

1.

Betrachten wir das Sprachtabu, weil die Rolle der Sprache in dem Tabumechanismus grundlegend ist, selbst wenn wir es mit nicht-sprachlichen Tabus zu tun haben (cfr. dazu Schröder [2000: 4]). Wir unterscheiden zwischen "Sprachtabu" (oder "Worttabu") und "Kommunikationstabu" (oder "sprachlichem Tabu") (1). Wir wollen hier das Sprachtabu thematisieren und uns in erster Linie die Frage stellen, was dabei tabuisiert wird. Die Antwort auf diese Frage wird eindeutig einen Mechanismus hervortreten lassen, der auch für das Kommunikationstabu entscheidend ist.

 

In seinem Werk Die Sprache. Eine Einführung hat sich Louis Hjelmslev mit dem Sprachtabu beschäftigt. Er schreibt (Hjelmslev [1963/1968: 80-82]):

 

Das Wort Tabu ist polynesisch und bezeichnet das Phänomen, daß ein Wort oder ein Name in einer Gemeinschaft nur unter besonderen Bedingungen benützt werden darf: entweder nur von bestimmten Personen oder nur in bestimmten Situationen. Man hat das Phänomen zuerst bei Naturvölkern beobachtet, wo es aufgrund religiöser Vorstellungen oft einen besonderen Grad von Verbreitung erlangt. Neuere Untersuchungen haben jedoch gezeigt, daß Tabu in allen Gemeinschaften und zu allen Zeiten bekannt ist und auch in unseren eigenen Sprachen eine recht bedeutende Rolle spielt. Das naheliegendste Beispiel ist, daß man es als unpassend betrachtet, Phänomene, die das Geschlechtsleben oder den Verdauungsprozeß betreffen, beim Namen zu nennen; dieses Tabu ist nicht, wie man vielleicht glauben könnte, allgemein menschlich; es ist an gewisse Gemeinschaften gebunden, und in vielen Gemeinschaften außerhalb des derzeitigen Europa ist es nicht vorhanden; im antiken Griechenland war es unbekannt. Aber auch andere Gebiete, z.B. religiöse oder andere als heilig angesehene Bereiche, können von einer solchen sprachlichen Geheimhaltung umgeben werden: man darf den Namen Gottes nicht leichtfertig nennen. Nachdem man nun gezwungen ist, solche Dinge zu umschreiben, kann das entweder durch Andeutungen und Umschreibungen geschehen, oder man muß einfach die Wörter, die sie bezeichnen, verändern. Bekanntlich geschieht es oft dadurch, daß man ein Fremdwort benützt: es ist nicht die Sache selbst, sondern das Zeichen, das unter Tabu steht, und wenn man ein fremdes Zeichen benützt, fällt der garstige Beigeschmack weg. Oder man wählt willkürlich ein anderes Zeichen, das eigentlich etwas ganz anderes bedeutet, aber in seiner äußeren Form hinlänglich an das unter Tabu stehende Wort erinnert, so daß die Andeutung verstanden wird (2) [...]. Oder schließlich - was uns hier interessiert - man nimmt eine willkürliche Umformung des Wortes vor. Das kann auf vielerlei Weise geschehen: man kann eine Abkürzung bilden [...] oder eine Umstellung vornehmen [...] oder man setzt einfach andere Elemente anstelle derjenigen, die gewisse Plätze im Wort einnehmen (3).

 

 

Es ist also das Zeichen, das unter Tabu steht, nicht das Ding, das bezeichnet wird; dies ist aber an gewisse Gemeinschaften gebunden. Welche semiotische Beziehung besteht zwischen einem tabuisierten sprachlichen Zeichen und der Tatsache, daß dieses Zeichen nur in bestimmten Gemeinschaften unter Tabu steht? Und was ist genau  dieser "garstige Beigeschmack", der wegfällt, wenn man ein Fremdwort benutzt?

Außerdem, wie Dietrich Hartmann [1990: 147] bemerkt hat, vermag die These von Hjelmslev nicht zu erklären "warum es genau jene Sachbereiche sind, die sprachlich tabuisiert werden, und nicht andere. Somit scheint es bei Tabuphänomenen nicht nur um Einstellungen gegenüber sprachlichen Ausdrücken zu gehen, sondern auch um die Sachverhalte, die sie bezeichnen. Mit anderen Wortern: Es geht nicht nur um Einstellungen gegenüber sprachlichen Einheiten, sondern auch um Einstellungen zu Dingen, Prozessen und Personen." D.h.: Wenn man z.B. das Wort Klo durch das Wort Toilette ersetzt, fällt der "garstige Beigeschmack" von "Klo" weg. Aber: warum hat gerade das Wort, das diesen bestimmten Raum bezeichnet, einen garstigen Beigeschmack, während das bei Wörtern, die andere Räume bezeichnen, nicht der Fall ist?

Der Punkt ist: Die These von Hjelmslev über das Sprachtabu darf nicht von dem allgemeinen semiotischen Denken des Autors getrennt betrachtet werden (4).

Folgendes muß berücksichtigt werden:

(a) die Problematik des Tabus in dem Buch Die Sprache,

(b) Die Sprache im Werk von Hjemlslev;

und das bedeutet, daß man

(c) die These über das Tabu im Zusammenhang mit dem Zeichenmodell von Hjelmslev betrachten muß.

 

In Die Sprache wird das Tabu im Rahmen der Problematik der Zeichenbildung und der Einführung neuer Zeichen angerissen (Hjelmslev [1963/1968: 57-83].). Eine Sprachgemeinschaft - sagt Hjelmslev - kann neue Zeichen bilden, einführen und gebrauchte Zeichen abschaffen. Er beschäftigt sich nur insofern mit dem Tabu, als es Ursache für die Bildung und Einführung neuer sprachlicher Zeichen ist. Wenn z.B. - so sagt Hjelmslev - das lateinische Wort meretrix umgebildet wird zu meletrix, so kann dies als Dissimilation erklärt werden; wenn es aber auch die Form menetrix annimmt, so kann dies aus dem lateinischen Lautsystem heraus nicht als Dissimilation, sondern muß als Folge einer Tabuisierung erklärt werden.

Die Sprache wurde 1963 in Dänemark veröffentlicht, stammt jedoch ursprünglich aus einem Vorlesungsmanuskript aus dem Jahre 1941 (cfr. dazu Werner [1968: 171]). Zwei Jahre später, im November 1943, veröffentlicht Hjelmslev sein wichtigstes Werk, Omkring sprogteoriens grundlæggelse. 1953 erscheint die vom Autor autorisierte amerikanische Ausgabe Prolegomena to a Theory of Language; eine zweite, erweiterte amerikanische Ausgabe folgt 1961.

Die Sprache, 1941, und die Prolegomena, 1943, ergänzen sich.

In Die Sprache beschäftigt sich Hjelmslev mit bereits bekannten Sprachproblematiken, die er jedoch aus der Perspektive einer allgemeinen semiotischen Theorie untersucht, die später in den Prolegomena ihre exemplarische Darstellung findet.

In den letzten zwanzig Jahren seines Lebens setzt sich Hjelmslev mit verschiedenen Aspekten seiner Theorie auseinander, und zwar in Vorträgen und Aufsätzen, die in den Essais linguistiques, Travaux du Cercle linguistique de Copenhague XII, Kopenhagen 1959 gesammelt vorliegen (cfr. Werner [1968: 169, Fußnote 1]).

Eben im Rahmen dieser semiotischen Theorie müssen wir die These über das Tabu betrachten. Hjelmslev ist klar: "es ist nicht die Sache selbst, sondern das Zeichen, das unter Tabu steht, und wenn man ein fremdes Zeichen benützt fällt der garstige Beigeschmack weg". Das heißt: das unter Tabu stehende Wort ist ein Zeichen. Betrachten wir also das Zeichenmodell von Hjelmslev.

Wenn man z.B. das Wort "Klo" vermeidet und durch ein anderes ersetzt, hat man dann das Wort als Tabu betrachtet oder das Ding an sich? Um diese Frage aus einer semiotischen Perspektive zu beantworten, muß zunächst bestimmt werden, was ein sprachliches Zeichen ist und in welcher Weise es einen Referenten bezeichnet.

Hjelmslev (cfr. Hjelmslev [1943/1974: 52-62]) nennt zwei fundamentale Zeichenauffassungen: Nach der ersten ist ein Zeichen etwas, das für etwas anderes steht. Nach der zweiten ist das Zeichen eine Ganzheit, die sich durch die Verbindung eines Ausdrucks mit einem Inhalt bildet. 

Hjelmslev meint, ein Zeichen (als Verbindung von Ausdruck und Inhalt) sei zwar etwas, das für etwas anderes steht, dieses etwas anderes sei jedoch als Substanz des Zeichens organisiert.

Nehmen wir die Sätze: Ich weiß es nicht, Je ne sais pas, I do not know, Jeg ved det ikke, Non lo so, Minä en tiedä. Wir stellen fest, daß diese Sätze Verschiedenheiten aufweisen, den Sinn, den Gedanken haben sie jedoch gemeinsam. Diesen Sinn nannte Hjelmslev im Dänischen mening, in der von dem Autor autorisierten englischen Übersetzung und in seinen Aufsätzen und Vorträgen finden wir purport, materie, sens.

Es handelt sich um eine amorphe Masse, um eine unanalysierte Größe, die in den verschiedenen Sprachen auf verschiedene Weise geordnet, artikuliert, geformt wird. Jede Sprache formt in einer ihr eigenen Weise den ungeformten Sinn; jede Sprache, jede Kultur legt ihre Grenzen in die amorphe Gedankenmasse hinein und hebt verschiedene ihrer Momente in verschiedenen Wörtern hervor, legt den Schwerpunkt auf verschiedenen Stellen und gibt den Schwerpunkten unterschiedliches Relief. Es ist wie ein und dieselbe Handvoll Sandkörner, die in verschiedenen Mustern geformt wird, und ebenso wie dieselben Sandkörner in verschiedene Formen gelegt werden können, so kann ein und derselbe Sinn [mening] in verschiedenen Sprachen unterschiedlich geformt oder strukturiert werden, wie folgender Vergleich zeigt:

 

 

In dem Moment, da der Sinn geformt wird, wird er zu Substanz, d.h. er wird als Ausdruckssubstanz oder Inhaltssubstanz organisiert, strukturiert und der Ausdrucksform und Inhaltsform zugeordnet.

Es scheint also richtig, sagt Hjelmslev, daß ein Zeichen ein Zeichen für etwas ist und daß dieses etwas in gewisser Weise außerhalb des Zeichens selbst liegt. Der Zeichenprozeß sorgt jedoch dafür, daß dieses etwas als eine Inhaltssubstanzgröße subsumiert wird, die durch die Bezeichnung einer Inhaltsform zugeordnet wird. Daß ein Zeichen ein Zeichen für etwas ist, bedeutet somit, daß die Inhaltsform des Zeichens dieses etwas als Inhaltssubstanz subsumieren kann (5).

Wir haben also das Zeichen als Verbindung von Ausdrucksform und Inhaltsform, das für die Realität, die Materie steht, und zwar auf eine besondere Weise; die suggestive Metapher von Hjelmslev lautet: Wie ein ausgespanntes Netz seinen Schatten auf eine glatte Fläche wirft, so projiziert sich das Zeichen auf den Sinn (auf das Kontinuum der Realität, auf das Kontinuum des Sagbaren und Denkbaren, wie Eco sagt (6)), und dadurch entstehen die Ausdrucks- und die Inhaltssubstanz.

 

AUSDRUCKSFORM

Ausdruckssubstanz

                                                        SINN/MATERIE/PURPORT                        

Inhaltssubstanz

INHALTSFORM      

 

Wenn das Zeichen etwas ist, das für etwas anderes steht, so unterscheidet Hjelmslev das semiotisch nicht geformte etwas anderes - die Materie oder den Sinn  - von dem semiotisch geformten etwas anderes, der Substanz.

Das Zeichen steht für eine semiotisch geformte Realität, für ein semiotisch geformtes etwas anderes.

 

Hier tritt eine Analogie zum Zeichenmodell von Charles Sanders Peirce zutage, oder genauer gesagt: das Zeichenmodell von Peirce hilft uns, das Modell von Hjelmslev zu präzisieren (7).

Eine der bekanntesten Zeichendefinitionen von Peirce lautet:

 

 

A sign, or representamen, is something which stands to somebody for something in some respect or capacity. It addresses somebody, that is, creates in the mind of that person an equivalent sign, or perhaps a more developed sign. That sign which it creates I call the interpretant of the first sign. The sign stands for something, its object. It stands for that object, not in all respects, but in reference to a sort of idea, which I have sometimes called the ground of the representamen. (CP. 2.228)

 

 

Lassen wir zunächst die Problematik des Interpretanten und die Komplexität des Zeichenmodells von Peirce außer Acht. Betrachten wir lediglich die Problematik des Objekts und der Relation zwischen Zeichen und Objekt. Peirce schreibt:

 

 

Offensichtlich gibt es zwei Objekte: das Objekt, wie es an sich selbst ist [...], und das Objekt, wie es von dem Zeichen dargestellt wird [...]. (MS 939, Peirce [1990: 272])

 

[...] jedes Zeichen [hat] zwei Objekte. Es hat das Objekt, das es selbst zu haben darstellt, sein Unmittelbares Objekt [...]; und andererseits gibt es das Reale Objekt, das wirklich das Zeichen determiniert hat, das ich normalerweise das Dynamische Objekt nenne [...]. (MS 499 und 499s, Peirce [1990: 402])

 

[...] it is necessary to distinguish the Immediate Object, or the Object as the Sign represents it, from the Dynamical Object, or really efficient but not immediately present Object. (CP: 8.343)

 

 

Das Zeichen als Ausdrucksform, als "irgend etwas Beliebiges, Reales oder Fiktives, was einer wahrnehmbaren Form fähig ist" (Peirce [1993: 346]), nennt Peirce Repräsentamen; den Inhalt des Zeichens, etwa die Inhaltsform von Hjelmslev, nennt er Unmittelbares Objekt, d.h. das Objekt, wie es das Zeichen selbst repräsentiert (cfr. CP: 4.536). Was das etwas anderes, das Objekt, wofür das Zeichen steht, betrifft, so unterscheidet Peirce ebenso wie Hjelmslev das semiotisch nicht geformte Objekt, die amorphe Masse, die er Dynamisches Objekt nennt (8), von dem semiotisch geformten Objekt, d.h. von der Art und Weise, wie das Zeichen das Objekt repräsentiert, perspektiviert, dem Ground des Repräsentamens. "Das Unmittelbare Objekt ist der Modus, unter dem das Dynamische Objekt in den Brennpunkt gerückt wird, während dieser Modus selbst nichts anderes als der Ground [...] ist" (Eco [1979/1987: 36]) "Der Ground ist ein Attribut des Objektes, insofern das Objekt in gewisser Weise selektioniert worden ist und nur wenige seiner Attribute ihm auf solche Weise zugehörig sind, daß sie das Unmittelbare Objekt des Zeichens bilden könnten". (Eco, ivi: 34-35) Also: "Der Ground ist das, was von einem vorgegebenen Objekt unter einem bestimmten Gesichtspunkt wahrgenommen und übermittelt werden kann" (Eco, ivi: 35). Wir können behaupten: der Ground entspricht genau der Substanz von Hjelmslev. Dies läßt sich besonders klar an der Thematik des Tabus nachvollziehen.

Wenn man z.B. das tabuisierte Wort Klo durch Toilette, oder Unterhosen durch Die Unaussprechlichen (damals) oder durch Slip (heute), alte Leute durch Senioren, Krebs durch schwere Krankheit, Er ist gestorben durch Er ist hingegangen in das Reich des himmlischen Vaters, Nutte durch Prostituierte, DDR durch Ostzone, usw. ersetzt, dann ist klar, daß das, was ersetzt wird, ein Wort - ein sprachliches Zeichen (oder ein Komplex von sprachlichen Zeichen) - ist. Das, was unter Tabu steht, ist das Zeichen, wie Hjelmslev zutreffend in Die Sprache behauptet. Aber dieses Zeichen repräsentiert die Realität, den Referenten, und zwar in einer bestimmten Beziehung, unter einem bestimmten Gesichtspunkt, organisiert und subsumiert eine bestimmte Substanz. Eben diese Substanz, dieser Ground, dieses Etwas, das sich von einem Hintergrund abhebt und die Basis für die Erkenntnis des Objekts bildet (cfr. Eco [1997/2000: 77]), d.h. also diese bestimmte Art und Weise ein Objekt zu repräsentieren, zu erkennen und mitzuteilen: genau das ist es nämlich, was  tabuisiert wird.

Der Inhaltssubstanz-Begriff (oder der Ground-Begriff) wird noch interessanter, wenn wir es nicht mit einem sprachlichen Zeichen zu tun haben, das für unterschiedliche Referenten steht, wobei aber diese Referenten als unterschiedliche Inhaltssubstanzen, Inhaltsgrößen subsumiert worden sind (9), sondern wenn wir es mit unterschiedlichen sprachlichen Zeichen zu tun haben, die für denselben Referenten stehen, wobei sie aber diesen Referenten in unterschiedlichen Substanzen subsumieren, Zeichen also, die für unterschiedliche Perspektivierungen derselben Realität stehen.

Ein Beispiel: DDR und Ostzone sind zwei Zeichen, die zwar für denselben Referenten stehen, ihn aber auf verschiedene Weise perspektivieren, indem sie verschiedene Grounds, Inhaltssubstanzen in den Vordergrund stellen. "DDR" stellt den Referenten als einen Staat, als eine demokratische Republik dar; "Ostzone" stellt den Referenten als eine Besatzungszone dar, die die Würde eines Staates nicht verdient, und schon gar nicht die Würde einer demokratischen Republik. Wenn man DDR tabuisiert, dann tabuisiert man eben die Art und Weise, wie das Zeichen DDR den Referenten repräsentiert.

Noch ein Beispiel: Nutte heißt im Italienischen puttana. Man hat das Wort ersetzt u.a.:

1. durch eine Verkleinerung/Koseform, man hat gesagt: puttanella (Nüttchen - aber selbstverständlich stand auch "puttanella" bald unter Tabu);

2. durch einen 'journalistischen Euphemismus' ('eufemismo giornalistico', wie die italienischen Sprachwissenschaftler Devoto und Oli sagen (10)), und zwar passeggiatrice ("Spaziergängerin", ein Wort, das stricto sensu in erster Linie die Straßendirne bezeichnet);

3. durch Fremdwörter wie: prostituta, meretrice, peripatetica (dies ist ein merkwürdiger Gräzismus, der passeggiatrice ersetzt und adelt); man hat es auch mit call-girl versucht, was in Italien allerdings keinen Erfolg hatte;

4. durch Paraphrasen und/oder Antiphrasen, so sagt man: una di quelle signore, wörtlich: "eine von jenen Damen"; "Damen" ist hierbei eine Antiphrase, aber gleichzeitig verdeutlicht das Demonstrativpronomen quelle (jene) die ideologische, moralische Distanzierung. Im Italienischen bezeichnet man mit quello etwas, das sich weit entfernt vom Sprecher befindet; diese Entfernung kann sowohl räumlich, als auch moralisch bzw. ideologisch sein, wie in diesem Fall: eine von denen da, das ist die Bedeutung. Man kann also kommunizieren, man kann etwas sagen, das nicht gesagt werden darf, und sich dadurch gleichzeitig von diesem Etwas distanzieren;

5. durch eine Verkleinerungsform von "donna" (Frau), donnina; da aber donnina im Italienischen auch ein kleines Mädchen bezeichnet, das sich schon wie eine erwachsene Frau verhält, fügt man oft ein Adjektiv hinzu, nämlich allegra; man sagt also: donnina allegra ("lustige kleine Frau"); "donnina" hat dieselbe Funktion wie "Dame" in "eine von jenen Damen"; "allegra" hat dieselbe Funktion wie "jene", d.h. schafft Distanz, betont sozusagen den moralischen 'Leichtsinn', die besondere 'Reife' von dieser donnina.

 

Das Wort "puttana" kommt vom altfranzösischen "pute", weibliche Form von "put", schmutzig, stinkend, das sich aus dem lateinischen putidum entwickelt hat (puteor = stinken). Daher verächtlich, lasterhaft, käuflich, bestechlich. Das ist die Inhaltssubstanz, die das Zeichen "puttana" subsumiert, das ist die Beziehung ("irgendeine Beziehung", wie Peirce sagen würde), in der das Zeichen zu dem Objekt steht: die Frau, die ihren Körper verkauft, wird als jemand gesehen, erkannt, interpretiert und verurteilt, der stinkend, schmutzig, verächtlich, käuflich usw. ist. Verkleinerungen, Euphemismen, Antiphrasen, Fremdwörter stehen für denselben Referenten, verdunkeln aber die Inhaltssubstanz des Zeichens puttana. Insbesondere Fremdwörter bewirken, daß der "Beigeschmack", wie Hjelmslev sagt, d.h. die Inhaltssubstanz, wie Hjelmslev in der Tat meint, eliminiert wird, indem sie eine sozusagen 'neutrale', rein 'denotative' Bedeutung (eine 'neutrale' Perspektivierung) vermitteln.

 

Zusammenfassend läßt sich sagen: Das, was tabuisiert wird, ist die Art und Weise, wie ein Sachverhalt durch ein sprachliches Zeichen repräsentiert wird, die Beziehung, in der das Zeichen zu dem Referenten steht, der Ground, den das Zeichen perspektiviert, die Inhaltssubstanz, die das Zeichen subsumiert.

Dies wirft zwei Fragen auf: Warum subsumieren einige sprachliche Zeichen gerade diese bestimmte Inhaltssubstanz? Warum wird diese Inhaltssubstanz tabuisiert? Die grundlegende Frage lautet: Worin genau besteht die Tabuisierung?

 

 

2.

Vološinov [1926] behauptet, das sprachliche Zeichen sei wie ein Enthymem, ein Syllogismus, in dem eine der Prämissen nicht geäußert wird (wie z.B. in dem Satz: "Sokrates ist ein Mensch, also ist er sterblich", wobei nicht gesagt wird, daß der Mensch sterblich ist). Wenn man also sagt: Diese Frau verkauft ihren Körper, diese Frau ist eine puttana (verächtliche Frau), dann ist das sprachliche Zeichen puttana ein Enthymem. Der komplette Syllogismus lautet:

 

Jede Frau, die ihren Körper verkauft, ist eine puttana (verächtliche Frau).        REGEL

Diese Frau verkauft ihren Körper.                                                                       FALL

Diese Frau ist eine puttana (verächtliche Frau).                                                 RESULTAT

 

Wir haben die drei grundlegenden Begriffe - Regel (oder Gesetz), Fall, Resultat - von Peirce (cfr. u.a. CP: 2.619-2.644; 7.202-7.223) (11) : Ein Zeichen als Resultat kann etwas signifizieren, für etwas anderes stehen, eine Bedeutung erlangen, indem es eine bestimmte Inhaltssubstanz subsumiert, weil es als Fall einer Regel erklärt werden kann. Oder besser formuliert: Ein Referent, ein Sachverhalt der Welt, kann durch ein Zeichen in einer bestimmten Hinsicht aufgrund einer Regel repräsentiert werden, von der diese Repräsentation Fall ist. Man kann also sagen, daß die Frau, die ihren Körper verkauft, verachtenswert ist, d.h. man kann sie mit dem Zeichen "puttana" repräsentieren und erkennen, weil es eine Regel gibt, die es erlaubt, ja sogar dazu zwingt, diesen Referenten mit einem Zeichen zu repräsentieren, das eben genau diese Inhaltssubstanz und keine andere subsumiert. Gerade diese Regel wird in dem Entymem "puttana" verschwiegen.

 

Die Regel ist ein soziales, ideologisches, kulturelles Faktum. Ponzio [1992: 34], indem er sich auf Vološinov bezieht, schreibt:

 

 

Was nicht gesagt wird, besteht aus Erlebnissen, Verhaltensprogrammen, Stereotypen, Erkenntnissen, Wertungen, Abschätzungen - es handelt sich dabei um  etwas, das nicht individuell und privat ist, sondern sozial. Das, was nur ich weiß, sehe, will, liebe, kann nicht verschwiegen werden. Nur das, was wir alle wissen, sehen, wollen, lieben, voraussetzen, kann der unausgesprochene, implizierte Teil eines sprachlichen Zeichens und einer Äußerung werden. Es gibt Wertungen, die für eine Familie, für einen Stamm, für eine Klasse, für eine Nation,  für wenige Tage, für Jahre, für ganze Epochen gelten; es gibt Wertungen, die labil sind und nur in einer bestimmten Situation gelten, und Wertungen, die fundamental, allgemeingültig für eine Kultur sind.

 

 

Auf die Beziehung zwischen der semantischen Substanz von Zeichen und den sozialen Wertungen, kulturellen Gewohnheiten, kommt auch Hjelmslev zu sprechen, und zwar in zwei sehr bedeutenden Aufsätzen: "Der stratische Aufbau der Sprache", 1954 (Hjelmslev [1974: 76-104]), und "Für eine strukturale Semantik", 1957 (Hjelmslev [1974: 105-119]). In diesen Aufsätzen behandelt Hjelmslev die Problematik der Vielfalt der Inhaltssubstanzen, d.h. das Phänomen, dem zufolge ein Referent verschiedene Inhaltssubstanzen manifestieren kann, die von verschiedenen Zeichen subsumiert werden.
Eine Passage ist mit einigen Varianten in beiden Aufsätzen vorhanden (Hjelmslev [1974: 90-91 und 117-118]). Ich fasse hier die wesentlichen Aussagen dieser beiden Fassungen.
Hjelmslev sagt:
 

Der semantische Gebrauch einer Sprache, den eine Sprachgemeinschaft angenommen hat, wird nicht durch eine physische Beschreibung der bezeichneten Gegenstände sinnvoll charakterisiert. Dies geschieht vielmehr durch die Beschreibung der von der betreffenden Sprachgemeinschaft allgemein anerkannten sozialen Wertungen und kollektiven Vorstellungen. Die Beschreibung der Substanz muß also vor allem aus einer Annäherung zwischen Sprache und den anderen sozialen Institutionen bestehen und so einen Berührungspunkt der Linguistik und den anderen Zweigen der sozialen Anthropologie darstellen. So kann ein und derselbe Gegenstand sehr verschiedene semantische Beschreibungen [d.h. sehr verschiedene Inhaltssubstanzen] erhalten, je nach der betreffenden Kultur. Dies gilt nicht nur für die Begriffe der unmittelbaren Bewertung wie "gut", "schlecht", "schön", "häßlich", nicht nur für die von der Kultur hervorgebrachten Dinge und Institutionen, sondern auch für die Gegenstände der Natur. Pferd", "Hund", "Berg", "Tanne" usw. sind anders definiert in einer Gesellschaft, die sie als einheimisch kennt und wiedererkennt, als in einer Gesellschaft, für die sie fremde Erscheinungen sind. Der "Elefant" bedeutet etwas anderes für einen Inder, der ihn nutzt, fürchtet oder liebt, als für die europäische oder amerikanische Gesellschaft, für die der Elefant eine Kuriosität, eine Sehenswürdigkeit, ein im Tiergarten oder Zirkus zur Schau gestelltes Objekt ist. Der "Hund" wird bei den Eskimos, wo er ein Zugtier ist, eine andere semantische Definition bekommen als bei den Parsen, bei denen er das heilige Tier ist, und wieder eine andere in unserer westlichen Gesellschaft, in der er vor allem das Haustier ist, für die Jagd oder die Wache dressiert. In solchen Fällen ist die zoologische Definition vom Standpunkt der Linguistik aus ungenügend. Je nach Gesellschaft und folglich je nach Sprache wird die Substanzebene als Ebene der Wertung aufgefaßt, eine Ebene, die vom linguistischen wie vom anthropologischen Standpunkt aus als direkt distinktiv angesehen werden kann.
Dieses Ergebnis ist vor allem durch eine Untersuchung der Sprache gewonnen worden, aber es kann problemlos dahingehend verallgemeinert werden, daß es prinzipiell für jede Semiotik
(12) gilt.
Nebenbei bemerkt, hat die Methode, die Ebene der sozialen Wertung zu beschreiben, auch für den Linguisten den unschätzbaren Vorteil, daß sie eben auch die 'Metaphern' genügend berücksichtigt, die in manchen Fällen eine ebenso wichtige Rolle spielen wie die 'eigentliche Bedeutung' und meistens aus einer kollektiven Wertung entstanden sind, die willkürlich bestimmte Eigenschaften des betreffenden Gegenstandes in den Vordengrund rückt, wie z.B., wenn in einer Sprache Fuchs "listiger Mensch" und/oder "rothaariger Mensch" bedeuten kann. Die wissenschaftlichen Terminologien sind zum großen Teil ausdrücklich zu dem Zweck geschaffen worden, metaphorische Implikationen oder kollektive und traditionelle Wertungen auszuschalten. Oft gelingt es ihnen jedoch nur teilweise, und sie teilen im allgemeinen das Los der natürlichen Sprache, es sei denn sie bestünden ausschließlich aus völlig abstrakten Formeln.

 

 

 

Diese Ausführungen gehören zu den allerwichtigsten von Louis Hjelmslev. Es ist kein Zufall, daß hierbei seine strukturale Semiotik in einer sehr klaren Beziehung zu der kognitiven Semiotik von Peirce steht.
An dieser Stelle ist es angebracht, einige wesentliche Aspekte des Zeichenmodells von Peirce näher zu betrachten (13). Das Zeichen besteht Peirce zufolge in der triadischen Relation zwischen einem Repräsentamen, einem Objekt und einem Interpretant. Der Repräsentamen, um tatsächlich als solcher zu fungieren, muß etwas (das Objekt) "in some respect or capacity" repräsentieren und von jemandem wahrgenommen und interpretiert werden. Der Interpretant ist ein anderes Zeichen, das, was der Repräsentamen an einem gegebenen Objekt perspektiviert, den Ground des Repräsentamens, weiter repräsentiert (cfr. Eco [1979/1987: 36]). [...] "In diesem Sinn ist das Signifikat [...]
+in seiner ersten Bedeutung die Übersetzung eines Zeichens in ein anderes Zeichensystem* (4.127), und das Signifikat +eines Zeichens ist das Zeichen, in das es übersetzt werden muß* (4.132). Folglich ist die Interpretation durch Interpretanten jener Modus, in welchem der Ground - als Unmmittelbares Objekt - sich als Signifikat manifestiert." (Eco, ivi: 37).
Wie Eschbach [1980: 50] betont hat, ist "eine der wohl weitreichensten Implikationen" der Zeichentheorie von Peirce "in seinem Konzept der Semiosis [oder Semiose] zu suchen":

 

 

[...] unter "Semiose" verstehe ich [...] eine Wirkung oder einen Einfluß, der in dem Zusammenwirken dreier Gegenstände, wie ein Zeichen, sein Objekt und sein Interpretant, besteht, wobei dieser tri-relative Einfluß in keiner Weise in Wirkungen zwischen Teilen aufgelöst werden kann. (CP: 5.484, Peirce [1993: 255])

 

Echbach [1980: 51] bemerkt:

 

Es zeigt sich also, daß Peirce den Zeichenprozeß relationslogisch als eine echte Trias bestimmt, deren Bestandteile einerseits nicht unabhängig voneinander existieren können, und die andererseits prinzipiell nicht auf die Summe dyadischer Relationen reduzierbar ist, weil ein beliebiges dyadisches Paar innerhalb dieser triadischen Relation nur kraft des jeweils dritten Elementes denkbar ist.

 

 

Gerade dieses triadische Relationsverhältnis ist "das genuin Neue an Peirces Zeichenmodell" (Rohr [1993: 49]), und daraus folgt, "daß es keine absolute Trennung zwischen Zeichen auf der einen Seite und den 'realen' Objekten auf der anderen Seite gibt" (Pape [1986: 11]). Deswegen, wie wir bereits festgestellt haben, konnte die Frage, was bei einem Sprachtabu tabuisiert wird, nicht nach einer dyadischen Logik (wird das Zeichen oder das Objekt tabuisiert?), sondern notwendigerweise nur im Rahmen der triadischen Zeichenrelation eine Antwort finden: Es wird die Art und Weise tabuisiert, wie ein Zeichen (Repräsentamen) ein Objekt (Dynamisches Objekt) perspektiviert; diese Perspektivierung wird von einem Dritten, dem Interpretanten erfaßt. Gerade der Interpretant spielt die grundlegende Rolle in der Kultur und folglich in den Kulturwissenschaften (14).

 

Diese zentrale Position des Interpretanten, sowie Ecos Hinweis auf die Gewohnheiten einer Gruppe (vgl. 14) gewinnen eine noch größere Bedeutung angesichts der Tatsache, daß Peirce zufolge der Interpretant sich in drei Stufen entwickelt. Hierbei können wir an die oben zitierten Überlegungen von Hjelmslev anknüpfen.

Die 'eigentliche Bedeutung' (d.h. im Falle von Hund und Elefant die 'zoologische Definition') bei Hjelmslev ist der Unmittelbare Interpretant bei Peirce. Die 'semantische Definition' bei Hjelmslev entspricht dem Dynamischen Interpretanten bei Peirce, d.h. der Bedeutung in einem bestimmten kulturellen und sozialen Kontext, dem Sinn, so wie er sich aus dem aktuellen Gebrauch des Zeichens ergibt (15). Dabei wird die 'eigentliche Bedeutung' kulturell kontextualisiert, und im Rahmen dieser kulturellen Kontextualisierung subsumiert sie eine zusätzliche und eventuell wichtigere, ja entscheidende Inhaltssubstanz. Es handelt sich in der Tat um die kulturelle Bedeutung.

Die zusätzliche, spezifize, kontextualisierte Substanz, die die kulturelle Bedeutung prägt, wird in einer Gemeinschaft und von einer Gemeinschaft akzeptiert, fixiert, kodifiziert: es besteht Konsens über allgemein anerkannte soziale Wertungen und kollektive Vorstellungen, wie Hjelmslev sagt. Die kulturelle Bedeutung gilt jetzt als Gewohnheit: dies ist der Logische Finale Interpretant von Peirce.

 

Peirce schreibt:

 

 

Nun ist ein Gedanke, wie beispielsweise die Bedeutung eines Wortes, offensichtlich von der Natur einer Gewohnheit. Tatsächlich können wir eine Bedeutung (meaning) als eine mögliche Gewohnheit definieren, die bestimmt, wie ein allgemeines Zeichen zu verwenden ist. (Peirce [1990: 178])

 

 

Die Gewohnheit bestimmt, wie ein Zeichen zu verwenden ist, d.h. sie bestimmt eine Regelhaftigkeit von Handlungs- bzw. Verhaltensweisen Die Beziehung zwischen Gewohnheit und Handlung wird in folgender Passage deutlich:

 

 

Die [...] Gewohnheit [...] ist die lebendige Definition, der wahrhafte und finale logische Interpretant. Folglich wird die vollkommenste durch Worte vermittelbare Erklärung eines Begriffs in einer Beschreibung der Gewohnheit bestehen, die dieser Begriff zu erzeugen gedacht ist. Doch wie anders kann eine Gewohnheit beschrieben werden als durch eine Beschreibung der Art von Handlung, die durch sie veranlaßt wird, unter Spezifikation der Ausgangsbedingungen und des Motivs?" (Peirce [1993: 267])

 

 

Treffend hat Lenk [1998: 152] bemerkt, daß der "Hauptgedanke von Peirce [...] eigentlich die dynamisch-funktionale Deutung [ist] [...]. Der Gedanke ist, daß es sich hier um eine funktionale Zuordnung handeln muß und daß Zeichen nur im Gebrauch einer entsprechenden Interpretationspraxis im Rahmen einer Interpretationsgemeinschaft, welche die Praxis strukturiert, Bedeutung gewinnen, 'leben', überhaupt erst verständlich werden. Zeichen sind immer Zeichen für jemanden und im Rahmen eines Deutungsprozesse‑Zusammenhangs; sie sind niemals an sich schon Zeichen."

"Wir verwenden Zeichen, um einen Inhalt auszudrücken", hat Eco bemerkt (vgl. 6): Die Art und Weise, wie der Inhalt durch Zeichen in some respect or capacity interpretiert, dargestellt und ausgedrückt wird, erzeugt "Interpretationspraxis im Rahmen einer Interpretationsgemeinschaft", Gewohnheiten, Finale Interpretanten, d.h. Regeln, Normen, Werte, Codes, Weltanschauungen und Ideologien, durch die das Verhalten (die Handlungen) einer Gruppe bestimmt, reguliert wird.

Das Vermeiden eines sprachlichen Zeichens, weil dieses den Referenten in einer Hinsicht repräsentiert, die als nicht 'angemessen' gilt, und der Gebrauch eines zweiten Zeichens (eines Euphemismus z.B.), das das erste Zeichen ersetzt und somit die 'unangemessene' Hinsicht verdunkelt, sind Handlungen, die für eine Gewohnheit stehen. Es handelt sich um eine Standardisierung der Kommunikation, die für eine Standardisierung des Denkens bzw. des Empfindens steht (cfr. Hansen [2000: 88-122]): es handelt sich also um ein Resultat, das Fall einer Regel ist. Eben diese Regel, oft als natürliche Regel aufgefaßt, wird durch das Zeichen als Enthymem stillschweigend impliziert.

 

Der Mechanismus, dem zufolge das Zeichen den Referenten aufgrund einer Regel in einer bestimmten Hinsicht perspektiviert, die tabuisiert wird, charakterisiert auch die Kommunikationstabus, wie z.B. die Tabus bezüglich Alter und Tod. Sehr treffend hat Numa [1986: 97-98] bemerkt:

 

 

Die Alten stellen ungewollt die Errungenschaften der modernen Welt in Frage, zerstören Illusionen und machen die zeitliche Begrenzheit des Lebens sichtbar und spürbar. Deshalb werden körperlicher Verfall und Tod so weit wie möglich aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt, in welcher der physikalische Zeitbegriff, der die Todesvorstellung ausschließt, immer mehr von der Alltagswelt Besitz ergreift. Gleichzeitig wird aber die Zweideutigkeit des Verlaufs der Zeit, auf die Existenz des Menschen bezogen, durch Alter und Tod offensichtlich. Der Tod selbst, der heutzutage wie alle biologischen Vorgänge im Menschen obszön geworden ist, wird aus der Öffentlichkeit in das Krankenhaus als dem normalen Ort des Sterbens ausgebürgert. Dort gilt er jedoch nicht als natürliches Phänomen, sondern als Fehlschlag, der die Krankenhausroutine nicht stören darf. Er wird deshalb von unserer bürokratischen Gesellschaft organisiert, die sich vor Zwischenfällen schützt 'um ihre Aufgaben ohne emotionale Beteiligung und ohne Hindernisse fortsetzen zu können'. Durch das Tabu, das die Scham über den Tod nach sich zieht, verschwindet das Sterben aus dem Alltagsleben, von der Darbietung gewaltsamer Todesarten im Fernsehen abgesehen. Gleichzeitig hat die in den Massenmedien gebotene Zurschaustellung des Sterbens zur Folge, daß der Tod auf eine beliebige, bedeutungslose Sache, die andere betrifft, reduziert wird.

 

 

Die Alten, die Todkranken als Zeichen perpektivieren (subsumieren als Inhaltssubstanz) den Verfall des Körpers. Darüber wird nicht gesprochen aufgrund eines Regelsystems, das die Körpersymbolik insbesondere in der spätindustriellen Gesellschaft bestimmt. (Cfr. Numa [1986: 119-123] und Douglas [1981].)

 

 

 

3.

Der Umgang mit der Regel, das Bewußtsein, daß die Regel eine Substanz, einen Ground des Zeichens festlegt, so daß diese Substanz als einzig und natürlich dargestellt wird, wobei aber auch andere Substanzen, andere Grounds des Zeichens möglich wären,  jedoch unausgesprochen bleiben - das ist sicher ein wichtiger Schlüssel, um die verschiedenen Aspekte der Tabuverletzung, ritualisierten Tabuverletzung und der Enttabuisierung zu unterscheiden und zu analysieren.

Dies scheint mir der springende Punkt zu sein, auch um die semiotischen Implikationen der Lachtheorie von Bachtin zu erfassen.

Zum Beispiel: Die Skandalszenen, das exzentrische Verhalten, die unpassenden Reden und Auftritte, die die menippeische Satire charakterisieren, setzen - so betont Bachtin [1963/1985: 122-123, 131] - den sokratischen Hinweis auf die dialogische Natur des Denkens und der Wahrheit voraus. Diese dialogische Art der Wahrheitssuche wurde dem offiziellen Monologismus, der eine fertige Wahrheit zu besitzen beanspruchte, entgegengestellt.

Wie man sieht, ging es gerade darum, die fertige Wahrheit, d.h. die einzige Substanz, den einzigen Ground des Zeichens in Frage zu stellen (16).

 

Die semiotische Erklärung der Tabuverletzung bzw. Enttabuisierung als Infragestellung der Regeln bietet das Zeichenmodell von Peirce. Wie Eschbach [1980: 51, 52] bemerkt hat, erscheint der Zeichenprozeß bei Peirce nicht "als ein Zuweisungsmechanismus, wie es das Repräsentationsmodell annahm, dem zufolge wie auch immer entstandene Zeichen mit wie auch immer entstandenen Bedeutungen etikettenartig versehen werden, wobei dieses Modell stillschweigend voraussetzen mußte, daß dem Zeichenbenutzer unveränderliche Bedeutungen immer schon gegeben sind", sondern "als ein Prozeß der dynamischen Bedeutungskonstitution", wobei "Bedeutung keine aprioristische Kategorie darstellet, sondern in der Semiosis zeichenfunktional entwickelt wird".

Die Finalen Interpretanten, die Standardisierungen, die normierten Gewohnheiten sind Folge der Semiose und kein a priori, kein absolutes Gesetz, das für immer, für alle Kulturen oder für alle Gruppe innerhalb einer Kultur gelten muß. Dies schon deswegen nicht, weil die Finalen Interpretanten die Folge von Unmittelbaren und Dynamischen Interpretanten sind, die die Zeichen in some respect or capacity betrachten und dementsprechend die Realität interpretieren und formieren. Aber es kann andere respects or capacities der Zeichen geben und somit andere Bedeutungen, andere Arten, die Realität zu interpretieren, und folglich andere Regeln.

 

Drei Gebiete, in denen diese Problematik - die Beziehung zwischen Tabu, Tabuverletzung, Enttabuisierung, und der Regel, die bestimmt, daß das Zeichen eine Substanz subsumiert, die tabuisiert werden muß - sehr klar deutlich wird, will ich hier nur kurz anschneiden.

 

Erstens: Die Gattung Novelle (17). Soweit ich weiß, existiert bis heute keine Arbeit, die Tabus, Tabuverletzungen und rhetorische Strategien im Decameron systematisch analysiert.

Der Decameron bricht die Logik des mittelalterlichen Exemplum auf. Die Exempla waren durch eine These und eine Geschichte charakterisiert: die These war die Regel, die  Geschichte war das Resultat, das als Fallbeispiel der Regel erklärt wurde. Boccaccio  bricht diese Logik auf, so daß die Enttabuisierung der Sexualität, aber auch die Enttabuisierung von vielen mittelalterlichen Tugenden sich im Rahmen einer offenen Diskussion über den einzigen Ground der Zeichen, über mögliche alternative Grounds, über mögliche alternative neue Regeln vollzieht.

 

Zweitens: Die moderne Erzählkunst, insbesondere die Poetik des Umorismo von Luigi Pirandello, die eine moderne Form der Karnevalisierung darstellt und die übrigens nicht nur das Werk von Pirandello, sondern eine ganze Richtung der modernen Erzählkunst charakterisiert, man denke an den Roman Rayuela (1963) von Julio Cortázar. Und auch hierbei steht die Auseinandersetzung mit den Regeln im Zentrum: die Enttabuisierung ist eine Folge.

 

Drittens: Die Frauenliteratur und die Frauenforschung. Der Enttabuisierungsprozeß, der diesen Bereich charakterisiert, von dem Roman Una donna (1906) von Sibilla Aleramo  bis zur zeitgenössischen Frauenforschung, hat grundlegende Dichotomien in Frage gestellt: Männliche Aktivität und weibliche Passivität, männliche Überlegenheits- und weibliche Minderwertigkeitsgefühle, männliche Dominanz und weibliche Unterordnung, Väterlichkeit und Mütterlichkeit, Geist und Körper, Kultur und Natur, Vernunft und Emotion, usw. Man kommt nicht als Frau zur Welt - so schrieb Simone de Beauvoir - man wird zur Frau gemacht. D.h. man wird zum Fall einer Regel oder einer ganzen Reihe von ideologischen Regeln gemacht. Eben die Auseinandersetzung mit diesem Komplex von Regeln macht die Enttabuisierung in der Frauenliteratur so effektiv und wirkungsvoll.

Ein Beispiel aus dem Roman Una donna. Die Ich-Erzählerin sagt:

 

Warum bewundern wir an der Mutterschaft die Aufopferung? Woher kommt dieser unmenschliche Gedanke des mütterlichen Opfers? Seit Jahrhunderten setzt sich diese Knechtschaft von der Mutter zur Tochter in einer ungeheuerlichen Kette fort. [...] Unsere Kinder müßten uns für das, was wir sind, dankbar sein, für den Willen, ihnen ein würdiges und schönes Leben zu geben, und nicht, weil wir darauf verzichten, wir selbst zu sein, nachdem wir sie blind in die Welt gesetzt haben. (Sibilla Aleramo, Una donna. Geschichte einer Frau, Verlag Neue Kritik, Frankfurt 1977)

 

 

Jede Mutter, die ihr Kind liebt, opfert sich auf.                REGEL

Diese Mutter liebt ihr Kind.                                              FALL

Diese Mutter opfert sich auf.                                           RESULTAT

 

 

Dieser Syllogismus liegt der herkömmlichen Vorstellung der Mutterliebe zugrunde (zur Geschichte der Mutterliebe cfr. Badinter [1980/1981]). Die Regel bestimmt einen Ground, eine Inhaltssubstanz der Mutter, d.h. die Mutter als Zeichen perspektiviert die Mutter als Referenten in einer bestimmten Hinsicht, in einem bestimmten respect or capacity. Eine solche perspektivische Segmentierung der Realität kann durch neue Botschaften in Frage gestellt werden, die eine Art semantische Umstrukturierung verursachen und somit neue Wertzuordnungen bewirken (cfr. dazu Eco [1968/1972]).

Der Enttabuisierungsprozeß, der in der italienischen Frauenliteratur mit Sibilla Aleramo eingesetzt hat, hat eine solche Umstrukturierung verursacht, indem er sich durch die Kritik an der Regel ausgezeichnet hat, durch den Versuch, andere Grounds der Mutter als Zeichen herauszufinden und folglich andere Regeln, Finale Interpretanten - Wertzuordnungen - durchzusetzen. Muß Mutterschaft wirklich immer mit Aufopferung einhergehen? Man könnte sich auch einen anderen Syllogismus vorstellen:

 

Jede Mutter, die ihr Kind liebt, verzichtet nicht darauf, eine Frau zu sein.            REGEL

Diese Mutter liebt ihr Kind.                                                                                    FALL

Diese Mutter verzichtet nicht darauf, eine Frau zu sein.                                       RESULTAT

 

Eben dieser andere Syllogismus ist die Botschaft des Romans von Sibilla Aleramo, dessen Titel nicht zufällig Eine Frau lautet.

 

 

                                                                            ***

 

Abschließend einige Bemerkungen, die als Grundlage für weitere Forschungen dienen sollen.

Die Tabuforschung stellt einen wichtigen bereich im Rahmen der Mentalitätsgeschichte dar.

Dinzelbacher [1993: XXI] weist darauf hin: 

 

Historische Mentalität ist das Ensemble der Weisen und Inhalte des Denkens und Empfindens, das für ein bestimmtes Kollektiv in einer bestimmten Zeit prägend ist. Mentalität manifestiert sich in Handlungen.

 

 

Tabuisieren ist eine Handlung (18), in der sich Mentalität manifestiert. Und nicht nur das: der Mechanismus des Tabus und der Enttabuisierung ist absolut zentral in der Auseinandersetzung zwischen Identität und Alterität, Monolog und Dialog, Intoleranz und Toleranz, die eine Kultur und ihre Beziehung zu anderen Kulturen charakterisiert. Hierbei kommt die Problematik der interkulturellen Kommunikation zum Tragen, wie auch die Frage nach kultureller Identität und Leitkultur.

 

 

Die Semiotik kann wesentlichen Aufschluß geben bei der Erklärung dieses Mechanismus. Sie bringt jene objektive Relativität der Perspektive (cfr. Eschbach [1981]) ans Licht, die die kulturellen Phänomene tatsächlich prägt, trotz aller Versuche, feste Grounds der Zeichen zu kristallisieren, feste Regeln durchzusetzen.

Insofern ist es zu bedauern, daß die Semiotik an deutschen Universitäten als autonome Disziplin ein Tabu ist.

 

 

 

*** 

 

 

 *Der Verfasser dankt Achim Eschbach, Essen, Gert Pinkernell, Wuppertal, Martina Stützer, Paris, für ihre freundliche Unterstützung im Rahmen der Fertigstellung des vorliegenden Textes.

 

(1) "Wenn man von Sprachtabus spricht, sollte man unterscheiden zwischen sogenannten Worttabus, die durch das bloße Äußern des entsprechenden tabuisierten Wortes verletzt werden, und sprachlichen Tabus, bei denen eine bestimmte sprachliche Äußerung auch ohne die Verwendung von Tabuwortern eine Tabuverletzung darstellt. So wäre heutzutage das Wort 'Arschficken' ein Tabu, und selbst die zitative Verwendung, der distanzierende Schutz der Gänsefüßchen hilft hier nur wenig.
Ein Beispiel für eine Tabuverletzung, die geschieht, ohne daß spezielle Tabuwörter verwendet werden, liefert die 4jährige Michaela, wenn sie fragt:
Du Opa, warum darf I di net fragen, wann du stirbsch und mir in dei Haus neiziehen?
Die Tabus, die heute in bezug auf Tod und Sterben bestehen, sind ja in erster Linie solche Sprachtabus, die auch das noch so sophistizierte kindliche Ansprechen des tabuisierten Zusammenhangs unmöglich machen."
(Kuhn [1987: 23])

Schröder [2000] nennt das Worttabu Sprachtabu und das sprachliche Tabu Kommunikationstabu.
 

(2) Die italienische Sprache bietet eine ganze Reihe von Beispielen: so sagt man z.B. "cavolo" ("Kohl") als Ersatz für das Wort "cazzo" ("Schwanz" im Sinne von "Penis"); im religiösen Bereich sagt man z.B. "osteria" ("Gasthaus", "Kneipe"), für "ostia" ("Hostie").

 

(3) In norditalienischen Regionalismen z.B. sagt man "madoka" für "Madonna".

 

(4) Eco [1977/1989: 180-181] weist darauf hin, daß das Ziel einer interpretativen wissenschaftlichen Untersuchung ("il fine di una ricerca interpretativa") sehr oft gerade folgendes ist: "Man bringt einen Autor dazu, das zu sagen, was er nicht gesagt hat, was er aber hätte sagen müssen, wenn man ihm die Frage gestellt hätte. Anders ausgedrückt: Man zeigt, daß im Rahmen des behandelten Themas bei Gegenüberstellung der verschiedenen Meinungen nur diese Antwort richtig sein kann. Der Autor hat es vielleicht nicht gesagt, weil es ihm selbstverständlich erschien oder weil er [...] [ein bestimmtes Problem] nicht systematisch behandelt hat, es nur nebenbei ansprach und überhaupt die ganze Angelegenheit für nicht weiter problematisch ansah."
Es ist durchaus möglich, daß Hjelmslev, der übrigens - wie wir sehen werden - die Thematik des Tabus nur nebenbei angesprochen hat, nicht präziser geworden ist, weil ihm gewisse Punkte selbstverständlich schienen.

 

(5) Das gilt auch für die Ausdruckssubstanz: es gibt verschiedene Ausdruckssubstanzgrößen (unterschiedliche mögliche Aussprachen desselben Zeichens von verschiedenen Personen oder bei verschiedenen Gelegenheiten).

 

(6) "Wir verwenden Zeichen, um einen Inhalt auszudrücken, und dieser Inhalt wird von den verschiedenen Kulturen und Sprachen unterschiedlich zerschnitten und organisiert. [...] aus was wird er zerschnitten? Aus einem amorphen Teig, der amorph ist, ehe die Sprache ihre Vivisektionen daran ausgeführt hat, und den wir als das Kontinuum des Inhalts bezeichnen wollen: alles Erfahrbare, Sagbare, Denkbare - wenn man will, der unendliche Horizont dessen, was ist, war und sein wird, sei es aus Notwendigkeit oder Zufall." (Eco [1997/2000: 67-68])

 

(7) Dies sei nur als Beispiel angeführt, um die Notwendigkeit einer vergleichenden Semiotik deutlich zu machen, vergleichend insbesondere zwischen der strukturalen Semiotik von Hijelmslev und der kognitiven Semiotik von Peirce (interessante Beiträge in dieser Richtung sind: Eco [1984/1985: 73-74], [1997/2000: 288-291], Johansen [1989], Ponzio [1985: 131-150]). Die Tabu-Thematik eignet sich in ihrer Komplexität hervorragend für einen solchen Vergleich.

 

(8) "Hjelmslev läßt uns die Existenz zweier getrennter Kontinua annehmen, eines für den Ausdruck und eines für den Inhalt. Aber das Zeichenfunktionsmodell sollte im Lichte der Peirceschen Semiotik neu formuliert werden. Die Materie, das Kontinuum [...] ist immer dieselbe. Sie ist das Dynamische Objekt, von dem Peirce sprach, das das Zeichen motiviert, obgleich das Zeichen es nicht unmittelbar wiedergibt, da sein Ausdruck lediglich ein Unmittelbares Objekt (den Inhalt) vermittelt." (Eco [1984/1985: 74])

 

(9) Zum Beispiel: Das Wort "Bank", sagt Hjelmslev, "ist ein Zeichen für dieses bestimmte Ding in meinem Garten, und dieses Ding geht in einem gewissen (traditionellen) Sinn nicht in das Zeichen selber ein. Aber dieses Ding in meinem Garten ist eine Inhaltssubstanzgröße, die durch die Bezeichnung einer Inhaltsform zugeordnet wird und die unter dieser mit verschiedenen anderen Inhaltssubstanzgrößen (zum Beispiel dem Geldinstitut) eingeordnet wird." (Hjelmslev [1943/1974: 60]),

 

(10) Giacomo Devoto / Gian Carlo Oli, Vocabolario illustrato della lingua italiana, Milano 1967.

 

(11) In Wahrheit nicht nur von Peirce: es handelt sich um eine lange Tradition, die mit der griechischen Medizin, mit der Schule von Hippokrates beginnt (cfr. Manetti [1987]).

 

(12) Für Hjelmslev ist jedes Zeichensystem (das der Sprache analog ist) eine Semiotik. Eine Semiologie ist eine Metasemiotik, deren Objektsemiotik eine nichtwissenschaftliche Semiotik ist. Die natürliche Sprache ist eine Semiotik, die Linguistik ist eine Semiologie.

 

(13) Es geht hier um eine Interpretation der Peirceschen Semiotik und um den Versuch, sie auf kulturelle Phänomene anzuwenden, wie ich es bereits in meiner Habilitationsschrift (Lanza [1998]) unternommen habe. Auch in Zukunft wird dies zu meinen Forschungsthemen gehören.

 

(14) Eco hat eine semiotische Unterscheidung zwischen Naturwissenschaften und Kulturwissenschaften vorgeschlagen (dabei bezieht Eco sich auf die These des italienischen Semiotikers Massimo Bonfantini). Die Naturwissenschaften sind Interpretationen von Daten, oder Interpretationen ersten Grades; die Kulturwissenschaften sind Interpretationen von Interpretationen, oder Interpretationen zweiten Grades. Die Kulturwissenschaften benutzen Modelle, die nicht für Naturphänomene stehen, sondern für Phänomene, die bereits eine Interpretation der Realität darstellen. Wenn z.B. die Anthropologie die Verwandschaftssysteme untersucht, wenn die Linguistik die syntaktischen Regeln einer Sprache untersucht, so erklären sie die Art und Weise, wie die einer gewissen Gruppe zugehörigen Menschen nach bestimmten Gewohnheiten handeln.  (Eco [1985: 327])

 

(15) Was den Vergleich zwischen den Begriffen Unmittelbarer Interpretant und Dynamischer Interpretant von Peirce und Neutrale Bedeutung und Aktuelle Bedeutung von Michail Bachtin betrifft, cfr. Geppert [1986]. Ebenfalls nicht zu vergessen sind die Überlegungen von Victoria Lady Welby über die Konstitutionsbedingungen von Zeichen im sozialen Kontext und über die drei Stufen der Bedeutung, cfr. Peirce [1990: 88-89] und Eschbach [1980: 53].

 

(16) Von diesem Gesichtspunkt aus kann auch das Tragische eine wichtige Rolle spielen: Eine Tragödie wie Medea von Euripides bricht viel stärker ein Tabu als alle Komödien von Aristophanes zusammen, weil Euripides - Anhänger der Sophistik - die Regeln viel stärker in Frage stellt als der konservative Aristophanes.

 

(17) Bachtin betont die wichtige Rolle der Novelle in der Karnevalisierung der Literatur (cfr. Bachtin [1963/1985: 153]).

 

(18) Es handelt sich selbstverständlich um eine komplexe Handlung: "Zunächst sei vorausgeschickt, daß Tabuisieren natürlich keine Handlung ist, die ein einzelner zu einem gegebenen Zeitpunkt durchführen kann. Man sollte darunter besser eine Folge oder ein Ereignis einer Vielzahl von Handlungen vieler Individuen sehen." (Kuhn [1987: 28])

 

 

 

                                                       LITERATURVERZEICHNIS

 

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