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Der Verführer

 

 

Am Abend vorher, eine halbe Stunde vor Mitternacht, war das Schiff von Hamburg abgegangen. Gewiß hatte sich auch Friedrich von Rosenberg unter den Leuten befunden, die im Dunkel auf dem Verdeck wie Schatten an mir vorbeigeschwebt waren, denn als wir uns des Morgens, da unser Dampfer schon weit draußen auf hoher See hinglitt, zu angenehmer Überraschung begegneten, teilte er mir mit, daß er wie ich die halbe Nacht oben spazieren gegangen war.

Er ist ein guter Bekannter von mir. In Wien begegnen wir einander manchmal in Gesellschaften und plaudern miteinander, während die andern tanzen oder Karten spielen; zuweilen macht man auch eine Partie Billard in Kaffeehaus. Er ist dreißig Jahre alt, von verbindlichen Manieren, und besonders seine Art zu reden - die übrigens nicht ganz frei von Affektation sein mag - besitzt für mich eine außerordentliche Anmut. Seine melancholische Vornehmheit steht ihm umso besser zu Gesichte, als sie aus einer stolzen Empfindsamkeit und der liebenswürdigen Gewohnheit hervorzugehen scheint, selbst über die leichtesten Dinge dieser Welt nicht ohne Ernst nachzudenken.

Im Laufe dieses stillen klaren Sommertags auf dem Schiff kamen wir einander näher, als es in all den vergangenen Jahren geschehen war. Er war noch ein wenig melancholischer als sonst, und seinen Andeutungen konnte ich entnehmen, daß er eben aus irgend einem seltsamen Erlebnis herkam, das ihn fortdauernd beschäftigte. Und als wir spät abends oben auf dem Verdeck saßen, rückte er seinen Streckstuhl an den meinen und sagte mit seiner wie gewöhnlich leicht verschleierten Stimme: "Ich möchte Ihnen erzählen, wieso es kommt, daß ich Ostende so plötzlich verlassen habe. Ehrlich gestanden, ich habe ein Bedürfnis, davon zu reden. Wenn ich ein Tagebuch führte, wäre die Sache vielleicht schon abgetan".

"Sie müssen sich nicht entschuldigen", erwiderte ich. "Reden Sie nur." Und ich machte ihm Mut, indem ich hinzufügte: "Ich weiß von früher her, wie angenehm Sie zu plaudern verstehen" Und während unser Schiff mit regungsloser Schnelligkeit immer tiefer in die helle Nacht hineinglitt, begann er zu erzählen. Es ist bekannt, daß man sich Geschichten, die einem Leute auf Reisen erzählen, immer buchstäblich merkt. Ich lasse daher Herrn von Rosenberg mit seinen eigenen Worten berichten.

- Es sind heute noch keine acht Tage her, so fing er an, daß ich auf der Terrasse des grossen Strandhotels in Ostende nach dem Diner meine Zigarette rauchte. Die Dämmerung war nah. Ich befand mich allein wie schon seit vielen Wochen. In der ganzen Zeit hatte ich mit niemandem gesprochen als mit Kellnern, Badedienern und Hausknechten. Man kommt allmählich in einen sonderbaren, aber sehr wohltätigen Zustand der Ruhe und wird in einer gar nicht schmerzlichen Weise von der eigenen Unwichtigkeit überzeugt. Auch die Korrespondenzen, die man gelegentlich bekommt, ändern wenig daran. - Haben Sie nicht schon bemerkt, wie alle Briefe - selbst von den geliebtesten Personen - auf Reisen allmählich überflüssiger werden, wie man aufhört, sich nach ihnen zu sehnen und endlich die Tage am behaglichsten findet, an denen man Nachrichten von Hause nicht einmal zu erwarten hat? Manchmal bin ich an der Portierloge vorübergegangen, ohne auch nachzusehen, ob irgend etwas für mich da wäre... Nun, dies alles gehört nicht hierher. - Also, ich saß auf der Terrasse, rauchte, und die Dämmerung zog langsam heran. Himmel und Meer wurden immer dunkler. Drüben am Strande gingen Leute spazieren - natürlich auch weibliche Wesen, aber nicht nur die Dunkelheit, sondern auch meine Gleichgültigkeit hinderte mich daran, die Kokotten und die Damen von einander zu unterscheiden. Ich kümmerte mich in diesen Tagen sehr wenig um die Frauen; sie gehörten nicht anders in die Welt, als wie auf einem Bild alles zu einander stimmen muß; - da war das Meer, der Strand, der Kursalon, die spielenden Kinder, die Hochstapler, die geordneten Familien und die schönen Frauen - ; es hätte mich allerdings gestört, wenn eines Tages gerade die plötzlich nicht mehr dagewesen wären; aber nur mich als Betrachter, nicht als Mann... Verzeihen Sie mein Lieber, es schwätzt sich so angenehm hier oben auf dem Verdeck, und Sie hören so nett zu, daß ich immer wieder plaudere statt zu erzählen." Ich nehme keinen Anstand, dieses bescheidene Kompliment für meine Person hier einzuschalten, da ich ja über meinen Freund ohne besondere Nötigung so viele freundliche Dinge gesagt habe. "Denken Sie, wie viel Zeit wir noch haben! Die Sonne geht ja heute nur auf zwei Stunden unter. Eine Stunde vor Mitternacht, und wir schwimmen noch in Licht. Immerhin, ich will Sie beruhigen: meine Geschichte hat schon angefangen, ohne daß Sie es bemerkt haben. Denn unter den Frauen, die drüben am Strand herumspazierten, befand sich auch die, von der ich Ihnen erzählen will. Sie war mir schon aufgefallen, als sie das erste Mal vorüberging, trotz Dunkelheit und Gleichgültigkeit. Gestalt und Gang erinnerten mich an ein junges Mädchen, das ich vor einigen Jahren in Ischl bei Gelegenheit eines Ausfluges kennen gelernt hatte. Sie war damals, gleich mir, ein Gast der liebenswürdigen Familie, die die Partie veranstaltet hatte. Es hatte sich von allem Anfang an gefügt, daß wir beide vorausgingen. Uns folgten der Herr des Hauses, seine Frau, die beide nicht mehr jung waren, dann ein anderes junges Paar und noch eine Anzahl von Mädchen und jungen Herren, die ich alle nur oberflächlich kannte. Zuerst ging es zwischen Villen vorwärts, dann hügelhinan durch Gesträuch, dann über eine große Wiese, die in der heißen Nachmittagssonne wie dampfend dalag, endlich kamen wir in den Wald. Die andern waren weit hinter uns zurückgeblieben; das junge Mädchen und ich waren allein, und im tiefen Schatten der Bäume fielen wir einander um den Hals. Wie es gekommen ist, könnt' ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen; aber es war ebenso selbstverständlich als wonnenvoll. Als wir die Schritte und Stimmen der andern wieder hörten, eilten wir weiter, so rasch als möglich, und als wir einen anständigen Vorsprung gewonnen hatten, umarmten und küßten wir uns von neuem. Ich kann nicht behaupten, daß wir vorher viel miteinander gesprochen hatten. Es war ein heißer Sommernachmittag, und wir waren jung. Sie verzichten also auf alle weitere Psychologie, nicht wahr?... Dann schritten wir längere Zeit Hand in Hand durch den Wald so zärtlich, als wenn wir einander von Herzen lieb hätten. Sie hatte keine Eltern mehr, erzählte sie mir, und lebte bei einer verheirateten Schwester, die einen reichen und ungewöhnlich kleinen Bankier zum Mann hatte und ihn mit schlanken und verschuldeten Kavallerieoffizieren zu betrügen pflegte. Und als sie diese Familienverhältnisse erledigt hatte, fügte sie hinzu: "Ich selbst werde nicht heiraten. Ich will nämlich Kokotte werden." Ich war ein wenig überrascht. Nicht wahr, diese Erklärung hätte Sie auch sonderbar berührt von den Lippen eines jungen Mädchens, das siebzehn Jahre alt ist und das Sie vor zwei Stunden im Schoße einer ehrbaren Familie kennengelernt haben. "Ich versteh' eigentlich auch meine Schwester nicht", fuhr sie fort. "Wozu das alles? Wozu die Angst und die Heimlichkeit?... Ich fühle, daß ich keinem Manne treu sein könnte, daß ich frei und im Überfluß leben möchte, und da ich niemanden betrügen will, - nun ja, so werd' ich lieber gleich, was ich werden muß." Ich ließ sie weiter plaudern. "Es hat freilich noch Zeit bis dahin. Ein Jahr lang bleib' ich wohl noch zuhause. Ich bilde mich zur Sängerin aus. Aber es ist nur zum Schein. Ich habe gar keine Lust, öffentlich in Konzerten zu singen oder gar zum Theater zu gehen. Ich habe nämlich gar kein Talent und bin sehr faul. Sie sehen, es ist das einzige, was mir übrig bleibt. Ich muß Kokotte werden"

Ich lächelte. "Sie sind ein Kind", bemerkte ich, "und ich wette, daß Sie in ein paar Jahren verheiratet und die bravste Frau von der Welt sein werden" [Warum ich ihr das sagte, weiß ich eigentlich nicht. Es war wohl nur eine Art, Konversation zu führen. Hätte sie mir die Absicht mitgeteilt, eine treue deutsche Hausfrau zu werden, so hätte ich ihr wahrscheinlich erklärt, daß sie zur Dirne geboren sei.]

"Wetten Sie nicht", erwiderte sie ernst. "Sie werden verlieren" Damit war dieses Gespräch vorläufig abgebrochen. Wir redeten dann von allerlei andern ganz harmlosen Dingen, wie andere anständige junge Leute, die von einer ehrbaren Familie auf einen Ausflug mitgenommen werden. Und schließlich saßen wir mit der ganzen Gesellschaft um einen ungedeckten Tisch auf schmalen Holzbänken, tranken saure Milch; aßen Butterbrot; - und zu unsern Füssen lag ein kleiner schwarzer See, auf dem einige Boote herumglitten.

Auf dem Rückweg, der über die weiße Landstrasse ging, schwebte sie in Begleitung von zwei andern Herren vor mir her und verlor sich für mich in einer unbegreiflichen Weise, eh wir einander adieu gesagt hatten.

Ein paar Tage später reiste ich ab, ohne sie wiedergesehen zu haben. Im selben Herbst sah ich sie einmal im Prater an der Seite einer jungen Frau - wohl ihrer Schwester - an mir vorüberfahren; sie schien mich aber nicht zu bemerken. Allmählich vergaß ich sie soziemlich bis zu jenem Abend in Ostende, von dem ich Ihnen eben jetzt erzählen will. Die junge Dame, deren Gestalt und Gang mich an das Ischler Stündchen erinnert hatte, kam zum zweiten Male an der Terrasse vorbei; im Schein einer Laterne, die man vor wenig Sekunden angezündet hatte, erblickte ich ihr Antlitz, und nun sah ich, daß es wirklich dasselbe junge Mädchen war, das ich vor drei Jahren im Ischler Wald geküsst hatte... Ich erhob mich rasch, eilte auf die Straße, folgte ihr und hatte sie bald eingeholt. "Sind Sie es, Fräulein Judith?" Sie blieb stehen und sah mich an. Als sie mich erkannte, lächelte sie und sagte: "Sie? Das ist hübsch, daß Sie der erste sind, dem ich begegne. Ich bin nämlich heute nachmittag hier angekommen."

"Mit Ihrem Herrn Gemahl?", fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf und blickte mich mit großen Augen an.

"Ich bin allein hier", sagte sie.

"Allein?"

"Nun ja. Haben Sie denn vergessen, was ich Ihnen vor drei Jahren gesagt habe?"

Ich lächelte und war sogar ein wenig verlegen. "Sie denken noch an den Spaß?" fragte ich.

Wieder schüttelte sie ganz ernst den Kopf. "Es ist kein Spaß gewesen. Darum bin ich hier." "Darum" fragte ich langsam. Sie erwiderte nichts. Wir näherten uns dem Ende der Strandpromenade. Es war dunkel geworden. Vollkommen regungslos lag das Meer vor uns, und eine ermattende Schwüle lastete in der Luft. "Wunderschön", sagte Judith. "Denken Sie, daß ich das Meer noch nie gesehen habe; immer war ich im Gebirge."

"Und was brachte Sie diesmal auf die Idee?"

"Nun", erwiderte sie und schaute sinnend ins Weite, "hier bin ich plötzlich wie in einer neuen Welt, und das scheint mir notwendig zu sein, wenn man darangeht, ein neues Leben zu beginnen."

Wir schritten neben den kleinen hellen Häuschen einher, die auf der Straße nach Blankenberge liegen. Von ihrem hellen Weiß schien ein mattes Licht über den dämmerigen Weg hinzufließen. "Wollen wir aufs Meer hinausfahren?" fragte sie plötzlich.

"Wie Sie wünschen", sagte ich mit einer zerstreuten Höflichkeit. Sie lachte leise und wies mit einer leichten Bewegung des Schirms auf ein kleines Boot, das an der Landungsbrücke lag. Ich rief den Bootsmann an, der im Nachen saß und seine Pfeife rauchte. Wir stiegen ein, er machte die Kette los, und mit langsamen Ruderschlägen führte er uns hinaus. Ganz in der Ferne erschien ein großer Dampfer, ein langer gedehnter Pfiff tönte durch die Nacht. Das Meer war schwarz und stumm. Ich saß am Steuer, Judith mir gegenüber.

"Nun aber sagen Sie mir die Wahrheit", sagte ich plötzlich so fest, als hätt' ich ein Recht zu diesem Ton.

Wieder schüttelte sie ihrer Gewohnheit nach den Kopf mehrere Male hintereinander. "Ist das, was ich tun will, wirklich so sonderbar und so unglaublich? Tun es nicht hunderte, tausende Tag für Tag, seit die Welt steht? Was wundert Sie also? Daß ich aufrichtiger bin als die andern? Daß ich es geradeheraus sage? Ist das so besonders gemein - oder ist es so besonders großartig? Ich habe es meiner Schwester auch gesagt, als ich abgereist bin."

"Nun - und Ihre Schwester?"

"Meine Schwester hat mich auf die Stirn geküßt, und ich glaube, sie hat ein bißchen geweint. So wie sie wahrscheinlich auch geweint hätte, wenn ich -" sie lächelte leise, "mit dem Mann meiner Wahl zum Altare geschritten wäre."

"Und wie verhält sie sich jetzt dazu?"

"Nun ich denke, sie beneidet mich ein bißchen oder bewundert mich gar. Freilich, irgend eine Verbindung besteht nicht mehr zwischen uns."

"Und Ihr Schwager... was sagt denn der Schwager dazu?"

Jetzt lachte sie hellauf. "Entschuldigen Sie, dem hab' ich nichts gesagt! Nur zwei Menschen kennen meinen Entschluss: meine Schwester und Sie. Und Sie sind der erste, der ihn erfahren hat. Sonst, bei Gott, weiß niemand davon. Die meisten andern würden es auch gar nicht verstehen. Aber Ihnen hab' ich es gleich angemerkt, auf den ersten Blick, daß Sie es begreifen müssen." Um ihre Lippen zuckte es sonderbar. War es nicht möglich, daß sie sich über mich lustig machte?

Ein leichter Wind hatte sich erhoben. "Wird' s was werden?" fragte ich den Bootsmann. "Nein", erwiderte der. "Morgen vielleicht, heut nicht mehr."

"Ich wünschte, daß das Schiff mehr schwankte", sagte Judith und ließ die eine Hand über den Rand des Kahns hinunterhängen. Mir schien es, als wenn sie an mir vorbeisähe. "Ich habe manchmal an Sie gedacht", fuhr sie fort. "Es ist gewiß eine günstige Vorbedeutung, daß Sie der erste sind, dem ich begegne. Nun, was glauben Sie, werd' ich Glück haben? werd' ich berühmt werden?"

Ich fuhr beinah vom Sitze auf. "Gleich berühmt -?"

"Ja", sagte Judith ernst, "berühmt. Ich habe die feste Absicht, es zu werden. Am guten Willen und an Talent fehlt 's mir nicht. Das ist gewiß. O, das fühl' ich!"

"Nein, nein, es ist genug!" rief ich aus. "Wir wollen nun ans Land steigen, Fräulein Judith, und Sie werden mir gestatten -" Ich sah ihr fest ins Auge - "Sie in den Kursalon zu begleiten - oder ins Hotel, oder in die Villa -, wo immer Sie mit Ihrer Frau Schwester... oder Ihrem Herrn Schwager... oder Ihrem Gatten Rendez-vous haben."

Sie zuckte die Achseln und lächelte nicht einmal. "Wenn Sie mich in den Kursaal führen wollen, so bin ich Ihnen sehr verbunden", erwiderte sie kühl. "Es war ohnedies meine Absicht, den heutigen Abend dort zu verbringen. Dort trifft sich ja alles, nicht wahr? Lebemänner wie Sie und Frauenzimmer wie ich."

"Fräulein Judith!"

"Nun?"

"Ich verstehe Sie nicht, Fräulein Judith."

Sie zog die Hand aus dem Wasser, hielt sie waagerecht über den Rand des Kahns hinausgestreckt und schien die Tröpfchen zu betrachten, die von ihren Fingern langsam herunterfielen. "Meine Schuld ist es doch nicht, wenn Sie mich nicht verstehen. Ich denke, ich bin so deutlich gewesen als möglich. Ja, ich glaube, seit die Welt steht, hat noch keine Frau so ehrlich zu einem Mann gesprochen, als ich zu Ihnen"

Es war dunkel. Wir hatten uns immer mehr vom Ufer entfernt. Vom Strande her glänzten die Lichter der Laternen, die Klänge des Kurorchesters tönten bis zu uns. Wir vermochten zu sehen, daß die großen Glastüren, die auf die Terrasse führten, weit offenstanden. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich plötzlich Judiths beide Hände in den meinen hatte und küßte. "Glauben Sie mir endlich?" fragte sie mild, ungefähr in dem Tone, als wenn ich einen Zweifel an Ihrer Liebe zu mir ausgesprochen hätte.

"Sie sind seltsam", entgegnete ich, "und sehr schön."

Ich fühlte ihren Blick auf mir ruhen. "Schade, daß Sie nicht reich sind", sprach sie einfach.

Ich zuckte zusammen, aber ich fühlte zugleich, daß ich Unrecht gehabt hätte, verletzt zu sein. Sie war nun einmal so. "Eines möcht' ich Sie gerne fragen", sagte ich, durch diese Überlegung beruhigt.

"Bitte", erwiderte sie.

"Nun, liebe Judith, es würde mich sehr interessieren - ungemein..." ich zögerte weiterzureden. Aber in der Einsicht, daß es gar keinen Sinn hatte, dieser Entschlossenen gegenüber den Schüchternen zu spielen, fragte ich rasch: "Wer war Ihr Geliebter, Judith?"

Sie schüttelte den Kopf. "Ich habe noch niemanden geliebt", sagte sie, "und ich hoffe, daß mir das niemals begegnen wird, obwohl es ja nicht möglich ist, so etwas mit Bestimmtheit vorher zu wissen."

"Hm, Judith... Sie verstehen meine Frage nicht ganz."

"Vollkommen. Aber Sie fassen meine Antwort offenbar nicht richtig auf." Und indem sie mir mit einem offenen Blick ins Gesicht sah, fügte sie hinzu: "Ich bin Jungfrau."

Sie haben keine Ahnung, wie dieses Wort in diesem Augenblick von diesen Lippen klang! Es hat mich berauscht. Nie hat der Händedruck, nie der Kuss, nie der Hauch, nie das Versprechen, nie selbst das Sich-Versagen einer Frau mein Blut in so heftige Wallung gebracht als dieses Wort, das Judith einfach und rein aussprach, während sie mir [keusch und blaß] gegenübersaß. In diesem Augenblick erst verstand ich das sonderbare Geschöpf vollkommen und wußte, daß ich ihr glauben durfte. Und ich dachte an die Geschichten, die uns Gefallene - wie das dumme Wort heißt - zu erzählen pflegen, an den ewigen banalen Roman von dem Verführer, an alle die feigen und albernen Ausreden, mit denen wir beschämt, gelangweilt und belogen werden, und in Bewunderung betrachtete ich das schöne Mädchen, das mir hier im Kahn gegenübersaß; diese hier war entschlossen für den ersten, dem sie sich gab, als das zu gelten, was sie ja sicher für den nächsten, der schon das Recht hatte, gedankenlos und gemein zu sein, jedenfalls gewesen wäre.

Wir blieben stumm, doch rückten wir einander immer näher, und saßen Hand in Hand. Das Schiff stieß ans Land. Wir stiegen aus. Sie hängte sich in meinen Arm. Es war Nacht. Wir spazierten zuerst am Strande hin und her, ohne zu reden. Dann begaben wir uns auf die Landungsbrücke und lehnten lang am Geländer. Ich bin gewiß, alle Leute hielten uns für ein junges Paar auf der Hochzeitsreise... Es war ganz seltsam: seitdem jenes Wort ausgesprochen war, schien sich allerlei verändert zu haben. Es war, als hätte manches mitgeklungen, das tief in ihr geruht hatte, ohne daß sie es selbst ahnte. Wenigstens glaubte ich, das mit untrüglicher Sicherheit zu empfinden. Ja, mir war beinahe, als hätte sie mir ihre Jungfräulichkeit im Augenblick, da sie von ihr sprach, zum Geschenk angeboten.

- - - Nun schwieg mein Freund ziemlich lang. Unser Dampfer glitt weiter gegen Norden, und in nächtlicher Helle glänzten Himmel und Meer. Die meisten Reisenden waren schlafen gegangen, nur ein junges Paar ging auf dem Verdeck auf und ab und kümmerte sich so wenig um Meer und Himmel als um uns. Und mein Freund sprach mit seiner angenehmen Stimme weiter:

Judith hatte die Wahrheit gesagt. Es war ein... nun ja, ein unschuldiges junges Mädchen, das ich in den Armen hielt, und ich war der erste Mann, den Judith liebte... oder sagen wir lieber der erste, der sie beglückte. Und was mich anbelangt, so betete ich sie an. Ich kann mir nicht helfen, es ist nun einmal so. Niemals werde ich diese Nacht vergessen. Das Zimmer, in dem wir ruhten, war sehr geräumig, die beiden Fenster standen offen, und wir sahen ins Weite über die mattglänzenden Kämme der Wellen, ins tiefe Blauschwarz des Himmels. Und wie leuchtete und duftete ihr Leib! So duften und leuchten nur junge Mädchen, die geborene Dirnen sind. Ach, es war nur eine Nacht!... nur eine!... Aber in dieser einen Nacht glaubte ich, daß mich noch viele andere ebenso schöne Nächte erwarteten. Auch Ihnen wird es ja nicht unbekannt sein, wie unglaublich dumm wir Männer sind, wie wir immer und immer den sehnsüchtigen Seufzer eines schönen Weibs für den Schwur ewiger Liebe halten und uns immer einbilden, wir selber zu sein, wenn wir nichts bedeuten als ein ewiges Prinzip, zu dessen Vertretern uns der Zufall erkoren hat. Auch ich hielt mich für sehr geliebt in dieser Nacht. Ich war sicher, dieses junge Geschöpf nicht nur gewonnen zu haben, sondern auch es halten zu dürfen. Ich machte Pläne für die Zukunft. Es konnte zum mindestens ein schönes Jahr werden, und natürlich dachte ich auch eingebildeterweise, daß Judith froh sein mußte, gleich und ohne Schwierigkeit, ohne die sonstigen Gefahren ihres erwählten Berufes in den Besitz eines liebenswürdigen, jungen und ziemlich wohlhabenden Liebhabers gekommen zu sein. Als sie im ersten Morgendämmer an meiner Brust erwachte und ich zärtlich flüsterte: "Judith, bleibe bei mir!", sagte ich es in der bestimmten Überzeugung, ein Ja als Antwort zu hören. Da sie mir KLICKEN nicht gleich antwortete, wiederholte ich, noch immer ohne den entferntesten Gedanken abgewiesen werden zu können: "Judith, wir bleiben zusammen." Es klang nicht einmal mehr fragend. Sie aber blickte mir ins Auge, strich mir über die Haare, küßte mich auf die Wange und antwortete ruhig: "Nein."

Und dabei blieb es. Ich redete, redete, redete immer weiter, redete wie ein Narr, wie ein Dichter, wie ein Bankier, - so verliebt und so vernünftig, so glühend und so klar, so sprühend und so auf tiefster Seele, daß ich mit meinen Worten die letzte Straßendirne zur Umkehr auf den Weg der Tugend bewegt hätte. Es war alles vergeblich. Endlich wurde ich - wie das die angenehme Gewohnheit von uns Männern ist, wenn unsere Eitelkeit oder unsere Laune gekränkt wird, - bitter, boshaft und gemein. Ich fragte sie, was ich ihr schuldig wäre. Sie erhob nicht die Hand gegen mich, sie fing nicht an zu weinen, sie wurde nicht grob, - sie lächelte. "Mein Lieber", sagte sie, "du glaubst wohl nicht im Ernst, daß du bezahlen kannst, was du heute Nacht erlebt hast."

Ich erwiderte nichts; sie hatte Recht.

Gegen Mittag verließ ich sie. Beim Abschied musste ich ihr versprechen, sie nicht mehr zu kennen. Und auch dieser Tag verging wie mancher andere an der See. Ein wundervolles Bad, Hinlagern im Sande, Frühstück auf der Terrasse, Lektüre am Fenster, Diner im Hotel, Petit chevau im Kursaal. Nur daß ich alles mehr durchträumte als durchlebte. Und doch weiß ich alles sehr deutlich; ich könnte Ihnen das Menu meines Diners im Hotel de la Plage aufsagen, die Zigarrensorte nennen, die ich geraucht habe, und die Ziffer meines Spielgewinnes - achtunddreißig Francs. Nach dem alten Sprichwort hätte ich ein Recht gehabt, viel mehr zu gewinnen - oder zu verlieren. Bis Mitternacht begegnete ich Judith nicht wieder. Punkt zwölf Uhr erblickte ich sie endlich, sie entfernte sich soeben aus dem Kursaal am Arme eines jungen Vanderbilt - es kann auch ein Gould gewesen sein. Mir brach das Herz. Ich folgte den beiden. Ich verfolgte sie bis zum Tor des Hotels, in dem Judith wohnte. Ich ging vor ihren Fenstern auf und ab. Sie blieben heute geschlossen. Doch sah ich hinter den Vorhängen das Licht schimmern. Bis zum frühen Morgen hat es geschimmert, und bis zum frühen Morgen hab' ich es gesehen. Als die Sonne aufging, lief ich nach Hause, packte ein, und um neun Uhr früh bin ich abgereist - über Brüssel nach Hamburg, wo ich durch einen glücklichen Zufall dasselbe Schiff nahm als Sie... Sie wundern sich, daß ich so mager geworden bin, daß ich so blaß aussehe..." Ich hatte mich nicht gewundert, - aber jener Rosenberg brauchte diese rhetorische Frage für seinen Aktschluß. "Nun, lieber Freund, warum soll ich 's nicht gestehen? Ich sehne mich - ich verzehre mich geradezu in Sehnsucht nach diesem herrlichen Geschöpf, - nach dieser Verlorenen, die mich verlassen hat, - nach diesem unschuldigen jungen Mädchen, das ich... verführt habe.

- - Er schwieg lange Zeit. Endlich erhob ich mich und wollte ihm gute Nacht sagen. Aber er starrte so versunken in die stille Helligkeit des nahen Morgens, daß ich mich nicht entschließen konnte, ihn zu stören. Und während ich in meine Kajüte hinunterging, dachte ich: So schöne schmerzlich dreiste Dinge erlebt man doch nur, wenn man noch nicht dreißig Jahre alt ist und sich durch eine gewisse vornehme Melancholie auszeichnet, die übrigens von Affektation nicht vollkommen frei zu sein braucht. KLICKEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

hatte ... befunden]

[war] <hatte sich> auch Friedrich von Rosenberg unter den Leuten <befunden>  Textkonstitution

 

die ... Nacht]

<die halbe Nacht> Textkonstitution

 

ist]

[war] <ist>  Textkonstitution

 

 

begegnen]

begegne[te]n Textkonstitution

 

manchmal]

[zuweilen] <manchmal>  Textkonstitution

 

plaudern]

plauder[ten]<n>  Textkonstitution

 

tanzen]

tanz[t]en    Textkonstitution

 

spielen]

spiel[t]en   Textkonstitution

 

macht]

[spielte] <macht>  Textkonstitution

 

ist]

[war] <ist>  Textkonstitution

 

besonders ... besitzt]

besonders [in] seine[r] [Redeweise] <Art zu reden> - die übrigens nicht ganz frei von Affektation sein [mochte] <mag> - [lag] <besitzt>    Textkonstitution

 

außerordentliche]

[gewisse] <außerordentliche>   Textkonstitution

 

steht]

[stand] <steht>   Textkonstitution

 

der ... Gewohnheit]

de(m>r) liebenswürdigen [Bestreben] <Gewohnheit>  Textkonstitution

 

scheint]

sch[ien]<eint>   Textkonstitution

 

selbst ... Dinge]

<selbst> über [mancherlei] <die leichtesten> Dinge   Textkonstitution

 

dieses]

[des] <dieses>  Textkonstitution

 

beschäftigte.]

beschäftigte. [Gegen Abend sagte er: "Noch vor wenigen Tagen hab' ich nicht geahnt, daß ich heute auf hoher See sein würde." Beim schwarzen Kaffee machte er die Bemerkung: "Es tut mir wohl, Ihnen begegnet zu sein."] Textkonstitution

 

abends]

<abends> Textkonstitution

 

wie]

<wie>  Textkonstitution

 

Leute]

[Fremde] <Leute>  Textkonstitution

 

so]

<so>  Textkonstitution

 

mich]

mich [ganz]  Textkonstitution

 

der Ruhe]

<der Ruhe>   Textkonstitution

 

einer ... schmerzlichen]

einer <gar> nicht [einmal besonders] schmerzlichen  Textkonstitution

 

Auch]

<Auch>   Textkonstitution

 

Korrespondenzen]

[Briefe] <Korrespondenzen>   Textkonstitution

 

allmählich ... werden]

allmählich [ihre Notwendigkeit verlieren, wie sie von Tag zu Tag] überflüssig<er> werden  Textkonstitution

 

man ... sehnen]

man [sich endlich kaum mehr] <aufhört sich> nach ihnen [sehnt] <zu sehnen>   Textkonstitution

 

endlich]

<endlich>  Textkonstitution

 

Wesen, ... sondern]

(1) Wesen, einzelne allein, und nicht nur die Dunkelheit, <sondern> (2) Wesen, [einzelne allein, und] <aber> nicht nur die Dunkelheit, sondern   Textkonstitution

 

Damen]

[anständigen Frauen] <Damen Textkonstitution

 

Frauen]

[Weiber] <Frauen>  Textkonstitution

 

muß; - da]

muß (. > ;) <-> Da  Textkonstitution

 

Familien ... es]

Familien [,] <und> die schönen Frauen , - [und] <;> es  Textkonstitution

 

die ]

(1) die [schönen Frauen] (2) die hervorgehoben durch Unterstreichung  Textkonstitution

 

mich]

<mich>  Textkonstitution

 

ich ... habe]

Maschinenschriftlich von den Zeichen *: :* umgeben vermutlich für erwogene Tilgung Textkonstitution

 

Gleichgültigkeit. ... Mädchen]

Gleichgültigkeit. [Denn sie] <Gestalt und Gang> erinnerte<n> mich [an jemanden. Ich hatte natürlich nicht ihre Züge wahrnehmen können, aber Gestalt und Gang waren mir aufgefallen. Und ich müsste an] <an> ein junges Mädchen [denken] Textkonstitution

 

, gleich mir,]

[wie ich] <, gleich mir,> Textkonstitution

 

vorausgingen. Uns]

vorausgingen , (u>U)ns Textkonstitution

 

nur]

nur [ziemlich] Textkonstitution

 

waren]

waren [jetzt schon] Textkonstitution

 

zurückgeblieben; das]

zurückgeblieben (. > ;) (D>d)as Textkonstitution

 

jung. ... Psychologie]

(1) jung. [Wir wollen] <Man darf> also auf alle <weitere> Psychologie verzichten  (2) jung. [Man darf] <Sie verzichten> also auf alle weitere Psychologie [verzichten]  Textkonstitution  

 

hätten.]

hätten. [Und nun erzählte sie mir Dinge über sich.] Textkonstitution

 

mehr, ... mir,]

mehr <, erzählte sie mir,> Textkonstitution

 

pflegte. ... heiraten]

pflegte. <Und als sie diese Familienverhältnisse erledigt hatte, fügte sie hinzu> "ich selbst werde nicht heiraten [", eröffnete sie weiter.] Textkonstitution

 

das]

<das> Textkonstitution

 

haben.]

haben. ["Es ist mir zuwider zu lügen", fuhr sie fort.]  Textkonstitution

 

nicht.]

nicht. "Ich versteh' eigentlich meine Schwester nicht (. > ,) <fuhr sie fort.> Textkonstitution

 

führen]

[machen] <führen> Textkonstitution

 

mir ... mitgeteilt]

mir [als ihre] <die> Absicht [gestanden] <mitgeteilt> Textkonstitution

 

andere]

<andere> Textkonstitution

 

Und]

<Und> Textkonstitution

 

Milch; ... und]

Milch [und] <;> aßen Butterbrot; <-> und  Textkonstitution

 

jetzt]

t <jetzt> Textkonstitution

 

will. ... im]
will. [Ich fragte mich eben mit einiger Rührung, wie es einen in einsamen Stunden bei einer guten Zigarre nach dem Diner zuweilen überkommt, wo das hübsche Geschöpf wohl hingeraten sein mochte, als die junge Dame, deren Gang und Gestalt mich an das Ischler Abenteuer erinnert hatte, auf ihrer Promenade wieder an der Terrasse vorüberkam.] <Die junge Dame, deren Gestalt und Gang mich an das Ischler Stündchen erinnert hatte, kam zum zweiten Male an der Terrasse vorbei;> (I > i)m  Textkonstitution
 

 

hatte...]
hatte... [Sollte sie wirklich ihren Vorsatz ausgeführt haben, dachte ich zuerst, als sie so allein an dem Saal vorbeispazierte. Sie sah gar nicht danach aus.]  Textkonstitution
 

Straße,]

Straße <,> [und]  Textkonstitution

 

an.]

an. ["Sie haben Ihre Wette verloren." Sie war in diesen drei Jahren viel schöner geworden.] Textkonstitution

 

Ich ... sie]

["Mit wem sind Sie hier, Fräulein Judith?"] "Ich bin allein <hier, sagte sie.>  Textkonstitution

 

Sie ... nichts]

<Sie erwiderte nichts.>  Textkonstitution

 

Strandpromenade.]

Strandpromenade [; hier traf man wenig Leute].  Textkonstitution

 

geworden.]

geworden. ["Erzählen Sie mir doch, was Sie seither gemacht haben", sagte ich, als sie schwieg. "Ist es nicht sonderbar: einmal haben wir uns gesprochen, und mir ist ganz so zumute, als wenn ich eine alte Freundin wieder getroffen hätte." Sie antwortete nichts, drehte ihren wießen Sonnenschirm langsam hin und her und blickte zu Boden. "Sie sind zum Theater gegangen nicht wahr? Sie haben ein Engagement, jetzt sind Sie auf Urlaub? Sie sind mit Ihrem Geliebten da?" setzte ich etwas zögernd hinzu. Sie schüttelte wieder den Kopf und erwiderte sehr ruhig: "Ich bin nicht beim Theater und ich habe keinen Geliebten. Ich bin hier, um meine Laufbahn zu beginnen." Sie sagte das mit einem beinah düstern Ernst, wie man einen unabänderlichen Entschluß mitteilt. Dann erst sah sie vom Boden auf, blickte mir ins Gesicht und wandte dann ihre Augen auf' s Meer.]  Textkonstitution

 

das Meer]

[es] <das Meer>  Textkonstitution

 

Weite,]

Weite, [hier fängt sich 's wohl am besten an." Sie sagte es mit kühler Sachlichkeit und fuhr fort: "Ich schwankte nur zwischen Ostende und Trouville." "Nun, ich bin froh, daß Sie sich für Ostende entschieden habe", scherzte ich wohlfeil. Sie aber blieb ernst. "Hab' ich nicht Recht?]  Textkonstitution

 

beginnen."]

beginnen. [ - Aber wo kommen wir denn da hin?]"  Textkonstitution

 

wir]

wir [ein bißchen]  Textkonstitution

 

leise ... wies]

leise. ["Können wir zum Beispiel diesen Kahn hier nehmen?"] (U > u)nd [sie] wies  Textkonstitution

 

gesagt, ... bin.]

gesagt, [heuer im Frühjahr] <als ich abgereist bin.>  Textkonstitution

 

"Meine ... wäre."]

Am rechten Rand mit einem senkrechten Strich hervorgehoben.  Textkonstitution

 

müssen.]

müssen. [Sie haben mich auch nicht verachtet, haben mich nicht verlacht, - Sie sind überhaupt ein Mensch, vor dem ich Respekt habe." Ich war ein wenig geschmeichelt und kannte mich nicht recht aus.]  Textkonstitution

 

zuckte es]

zuckte es [manchmal sehr]  Textkonstitution

 

nicht]

nicht [doch]  Textkonstitution

 

machte?]

machte? [daß der Herr, der dort am Strande unserem Boot zu folgen schien, ihr Gatte, ihr Liebhaber, am Ende gar ihr Schwager war? Plötzlich schien mir alles wahrscheinlicher als das, was sie mir gestanden hatte."] Textkonstitution

 

Schiff]

Schiff [ein bißchen] Textkonstitution

 

fuhr ... fort]

[sagte] <fuhr> sie <fort> Textkonstitution

 

haben?]

haben? [werd' ich einen Namen bekommen?]  Textkonstitution

 

oder ... Villa -]

<oder in die Villa - >  Textkonstitution

 

erwiderte]

[sagte] <erwiderte>  Textkonstitution

 

mehr]

[weiter] <mehr>  Textkonstitution

 

entgegnete]

[sagte] <entgegnete>  Textkonstitution

 

sprach]

[sagte] <sprach>   Textkonstitution

 

gehabt hätte]

<gehabt> h(a > ä)tte  Textkonstitution

 

erwiderte]

[sagte] <erwiderte>  Textkonstitution

 

Ihr]

Ihr [erster]  Textkonstitution

 

Kopf.]

Kopf. ["Ich habe noch keinen Geliebten gehabt." Als sie mich nach diesen Worten mit stillen Augen ansah, war mein erster Gedanke, daß sie mich nicht richtig verstanden hatte oder gar zur Unzeit geistreich war. Und sehr fein, wie mir vorkam, setzte ich hinzu: "Sie haben ihn also nicht geliebt?"]  Textkonstitution

 

geliebt", ... sie]

geliebt. <sagte sie>  Textkonstitution

 

Sich-Versagen]

t <Sich->Versagen  Textkonstitution

 

in Bewunderung]

[mit Entzücken] <in Bewunderung>  Textkonstitution

 

hier ... Kahn]

t <hier im Kahn>  Textkonstitution

 

gegenübersaß; ... hatte]  

(1) gegenübersaß und das ehrlich [und mutig] entschlossen war [schon] für den Ersten, de(r > m) [sie besaß] <sie sich gab>, als die Verlorene zu gelten, die sie ja für alle Nächsten, die dann schon das Recht zu haben glauben (2) gegenübersaß <;> [und das] <diese hier> [ehrlich] <war> entschlossen [war] für den Ersten, dem sie sich gab, als [die Verlorene] <das> zu gelten, [die] <was> sie ja [für alle] <sicher für> den Nächsten, [die] <der> [dann] schon das Recht [zu haben glauben] <hatte>  Textkonstitution

 

saßen ... Hand]

[unsere Knie beruhrten sich] t <saßen hand in hand>  Textkonstitution

 

selbst]
<selbst>  Textkonstitution
 

lieber, ... beglückte]
lieber <, der erste, der sie> beglückte  Textkonstitution

 

und ... Weite]
und [vom Boote aus konnten wir] <wir sahen> ins Weite [sehen]  Textkonstitution


über]
[auf] <über>  Textkonstitution

 

mich ... erwarteten]
<mich> noch viele andere ebenso schöne Nächte [vor mir lagen] <erwarteten>  Textkonstitution


Auch ... sein]
[Ich weiß nicht, ob Ihnen bekannt ist] <Auch Ihnen wird es ja nicht unbekannt sein>  Textkonstitution

 

 

dürfen. ... mir]

dürfen. [Und als] <Als> sie im ersten Morgendämmer an meiner Brust erwachte [,] <und> [flüsterte] ich zärtlich <flüsterte:> "Judith, bleibe bei mir." <,> [Ich] sagte <ich> es [ihr] in der bestimmteten Überzeugung, ein Ja als Antwort zu hören. [Während sie schlief, hatte ich mir allerlei überlegt. Ich] <Ich> [hatte mancherlei] <machte> Pläne für die Zukunft [gemacht]. Es konnte zum mindestens ein schönes Jahr werden, und natürlich dachte ich auch eingebildeterweise, daß Judith froh sein mußte, gleich und ohne jede Schwierigkeit, ohne die sonstigen Gefahren ihres erwählten Berufes in den Besitz eines liebenswürdigen, jungen und ziemlich wohlhabenden Liebhabers gekommen zu sein. [Und als sie mir] <Da sie mir> „Als ... hören" „Ich ... sein" durch entsprechende Ziffern (2, 1) am rechten Rand umgestellt.  Textkonstitution

 

mehr]

(s > m)ehr  Textkonstitution

 

aber]

<aber>  Textkonstitution

 

dabei ... es]

[sie blieb dabei] <dabei blieb es> Textkonstitution

 

mit ... Worten]

t <mit meinen Worten>  Textkonstitution

 

ist, ... wird,]

ist <, wenn unsere Eitelkeit oder unsere Laune gekränkt wird,>  Textkonstitution

 

"du ... hast"]

Mit zwei senkrechten Strichen am rechten Rand hervorgehoben.  Textkonstitution

 

mehr ... durchlebte]

(1) mehr <durch>träumte als [ich es] durchlebte (2) mehr durchträumte als durchlebte Hervorgehoben durch Unterstreichung.  Textkonstitution

 

meines]

[des] <meines> Textkonstitution

 

geraucht habe]

<ge>raucht[e] <habe>  Textkonstitution

 

Nach ... ich]

<Nach dem alten Sprichwort> [ich] hätte <ich>   Textkonstitution

 

gewinnen - oder]

gewinnen <-> oder  Textkonstitution

 

Bis]

Bis [nahe]  Textkonstitution

 

blaß]

[bleich] <blaß> Textkonstitution

 

Ich ... Aktschluß.]

<Ich hatte mich nicht gewundert, aber jener Rosenberg brauchte diese rhetorische Frage für seinen Aktschluß.>  Textkonstitution

 

nach ... hat, -]

<nach diesem herrlichen Geschöpf, - > nach dieser [Dirne, - ] <Verlorene, die mich verlassen hat, - > [nach diesem herrlichen Geschöpf, - ]  Textkonstitution

 

lange Zeit.]

<lange Zeit.>  Textkonstitution

 

Endlich ... ich]

<Endlich> [Ich] erhob <ich>  Textkonstitution

 

daß ... braucht]

[daß ich seine [schönen Erinnerungen] schmerzlichen, aber so schönen Erinnerungen nicht stören wollte. Die meinen waren es nicht. Sie waren vielleicht sogar minder schön gewesen, wenn ich genau das selbe erlebt hätte wie mein Freund Herr Friedrich von Rosenberg, dreißig Jahre alt, von den besten Manieren und ausgezeichnet durch eine gewisse vornehme Melancholie, die übrigens wirklich nicht ganz frei von Affektation war.] <daß ich mich nicht entschließen konnte ihn zu stören. Und während ich [hinunter ging] in meine Kajüte hinunter ging dachte ich So schöne schmerzlich dreiste Dinge erlebt man doch nur, wenn man noch nicht dreißig Jahre alt ist und sich durch eine gewisse vornehme Melancholie auszeichnet, die übrigens von Affektation nicht vollkommen frei zu sein braucht. - >  Textkonstitution